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The Velvet Underground – TVU (1967)

The Velvet Underground FrontcoverThe Velvet Underground Frontcover

Seite 1
Sunday Morning (Reed, Cale) (2:56)
I’m Waiting for the Man (4:39)
Femme Fatale (2:38)
Venus in Furs (5:12)
Run Run Run (4:22)
All Tomorrow’s Parties (6:00)

Seite 2
Heroin (7:12)
There She Goes Again (2:41)
I’ll Be Your Mirror (2:14)
The Black Angel’s Death Song  (3:11)
European Son  (7:46)

Unser Album des Monats im März 2017

Es gibt wohl nur wenige Alben, die die Entwicklung der Rockmusik so stark beeinflusst haben, obwohl sie bei ihrer ersten Veröffentlichung weitgehend ignoriert wurden, wie das Debütalbum von Velvet Underground. Entstanden in der kongenialen Zusammenarbeit von Lou Reed und John Cale, gefördert und gestaltet von dem großen Pop-Art Künstler Andy Warhol ist The Velvet Underground & Nico im Laufe der 70ziger Jahre inspirationsquelle für die Entwicklung von Punk, New Wave, Glam-Rock und Gothic gewesen.

The Velvet Underground & Nico wurde vor genau 50 Jahren im März 1967 veröffentlicht.

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Nicht einfach, zu einem so oft besprochenen, so ausgiebig gewürdigten Album noch etwas wesentliches zu sagen.

Trotzdem versuchen wir es in einer zwölfseitigen Analyse des Albums, die in der zweiten Ausgabe des VINYLRAUSCH MUSIKMAGAZIN im Sommer 2021 erscheinen wird. Hier gibt es schon mal einen kurzen Auszug vorab:

Man hat den Eindruck, das jede Veröffentlichung, die irgendwie auf die Geschichte der Rockmusik Bezug nimmt, das Debüt der Velvet Underground erwähnt und in den Tenor der Huldigungen (siehe oben) einstimmt. Oft bleibt es dabei bei einem mehr oder weniger dunklen Raunen, das die besondere Bedeutung des Albums mit einem der Stichworte Andy Warhol/Pop-Art, Pre-Punk, Realismus oder Avantgard zu beschreiben sucht. Wenn etwas tiefer geschürft wird, kommt die Bandgeschichte zur Sprache, die ambivalente Arbeitsbeziehung von Lou Reed und John Cale oder die Diskrepanz zwischen Einfluss und Verkaufszahlen des Albums – die zu dem Eno-Bonmot führte, das zwar nur wenige Exemplare von ‘The Velvet Underground & Nico’ verkauft wurden, aber jeder Käufer danach eine Band gegründet hat.

[…]

Lou Reed war der Songschreiber, Melodienerfinder und Rock‘n‘Roll-Enthusiast der Band. Sein Handwerk hatte er als Musiker und Texter bei der ›sound-alike‹ Firma Pickwick Records gelernt. Dort war man Mitte der sechziger Jahre darauf spezialisiert, Songs aufzunehmen und zu veröffentlichen, die aktuelle Chart-Erfolge nachahmten, ohne sie zu kopieren.1 Reed konnte hier sein Gefühl für Melodien entwickeln, die ihre Tauglichkeit für einen Massenmarkt bereits bewiesen hatten. Diese Beschäftigung mit dem Mainstream, mit der Gebrauchsmusik der aktuellen Durchschnitts-Zuhörer wird eine der Brücken zu Andy Warhol und dessen Pop-Art gewesen sein, die ihre Inhalte auch aus der profanen Produkt- und Warenwelt der Gegenwart abgeleitet hat.

Reeds Musikgeschmack war breit aufgestellt und reichte von den treibenden Rhythmen des R&B über den romantischen Chorgesang des Doo-wop bis zum Free-Jazz. Musik war für ihn die einzig gültige kulturelle Äusserung in der amerikanischen Gesellschaft, die einzige Möglichkeit, zu leben: »It’s the music that kept us all intact. It’s the music that kept us from going crazy.«2 Er war ein begeisteter Maniac, der in seinen Songs den radikal ehrlichen und selbstreflexiven Stil der literarischen Aussenseiter aus den fünfziger Jahren in die Pop-Musik transferieren wollte. Seinen Abschluß in kreativem Schreiben hat Reed an der Syracruse Universität bei dem Schriftsteller Delmore Schwartz gemacht, der 1966 mit nur 52 Jahren an seiner Drogensucht gestorben ist. Schartz hat Reed stark beeindruckt, er hat ihm mehrere Songs gewidmet, auf ‘The Velvet Underground & Nico‘ den ‘European Song’, und seine Mahnung ernst genommen: »In der unvorhersehbaren und beängstigenden Zukunft, die auf die Zivilisation wartet, muss der Dichter bereit sein, abschreckend und trotzdem unzerstörbar zu sein.«3

John Cale war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Reed, auch wenn es einige Parallelen in ihrer Biografie gibt. Cale wurde in Wales geboren und schon als 13-jähriger Mitglied eines Jugendorchesters, in dem einzig die Violine noch fehlte. Sie wurde sein Instrument mit dem er es von Anfang an nach New York schaffen wollte. Das Goldsmith College in London, fünfzig Jahre später auch Ausbildungsstätte von James Blake, sollte ihm den Weg dahin ebnen. Seine Einflüsse kamen auch auf dem College schon aus Amerika: 1963 führte er im College als Studienarbeit Le Monte Youngs Komposition ‘X for Harry Flynt’ auf, bei der er auf dem Piano kniete und die Tasten mit den Ellenbogen anschlug. Nachdem er es schließlich mit einem Stipendium nach Amerika geschafft hatte, gab er sein Debüt bei einer von John Cage veranstalteten Performance, bei der eine Piano-Komposition von Eric Satie 840 mal in Folge gespielt wurde. Um das durchzuhalten empfahl der Komponist Satie: »… the performer should prepare beforehand in deep silence and serious immobility.«4

[…]

Eine Provokation ist auch das Glockenspiel1, mit dem der erste Song ‘Sunday Morning’ auf ‘The Velvet Underground & Nico’ beginnt. Das hohe Geklingel, das die Geburt dieses ungewöhnlichen Albums begleitet, versetzt uns zurück in die Kindheit, es gaukelt eine entspannte Atmosphäre und vertraute Sicherheit vor. Die leisen Töne passen zu der Ruhe eines »sonnigen Sonntagsmorgens«, an dem wir uns im Bett noch mal umdrehen und uns in der entrückten Welt des Halbschlafes bereitwillig dem Schmerz über den Verlust der Jugend (»It’s just the wasted years so close behind«) hingeben können – in dem sicheren Wissen darum, dass sich dieses Gefühl mit dem Aufwachen in wohliger Melancholie auflösen wird.

Die Velvet Underground wiegen ihre Zuhörer in dem Glauben, es gut mit ihnen zu meinen. Sie haben den Weg in den Untergrund, die Untiefen der menschlichen Sehnsüchte, mit einem verlockenden Eintritt versehen – wenn es nicht so abgegriffen klingen würde, müßte man sagen: mit Samt ausgeschlagen. Es werden für die Dauer dieses Albums die einzigen Erleichterungen sein, denn einmal an die Hand genommen, lassen die Velvet Underground ihre Zuhörer nicht mehr los. Sie werden auf diesem Album gnadenlos mit all dem konfrontiert, was auch im wirklichen Leben auf den vermeintlich süßen Beginn der Geburt folgt: die rastlose Suche nach Liebe, der bittere Weg der Selbsterkenntnis, die erniedrigende Ablehnung durch andere Menschen und zuallererst natürlich die Suche nach dem nächsten Tripp, der nächsten Party als Fluchtmöglichkeit aus dem, was sich, gerade begonnen, als untragbar herausgestellt hat: unserem Leben.

Wir können Lou Reed keinen Vorwurf machen, denn er warnt uns auch gleich im ersten Song: »Watch out, the world’s behind you …« Während am Sonntag Morgen alles noch rosig aussieht, wartet das wahre Leben, die wirkliche Welt mit all ihren Problemen spätestens am Montag auf uns. ‘I’m Waiting For The Man’ ist die unverblümte Beschreibung eines Drogenkaufs aus der Perspektive des Abhängigen, der der Gunst seines Dealers ausgeliefert ist. Eine Kurzgeschichte, die den Ort des Geschehens deutlich benennt, die den ‘Man’ in seiner schwarzen Suite, mit polierten Schuhen und breitkrempigem Hut beschreibt und die mit der fatalistischen Einsicht endet, das sich das Spiel morgen genauso wiederholen wird. So ausweglos realistisch der Text auch sein mag, musikalisch wiegt uns Reed hier noch in Sicherheit. Durch das klimmpernde Piano, die stoischen Drumschläge und das stetige Gitarrenriff schimmert der Blues hindurch. ‘I’m Waiting For The Man’ ist ein unsterblicher Klassiker, der durch die eingängige, dem Titelsatz folgende Gesangsmelodie und die stetige Wiederholung der rhythmischen Figur zu einem der ersten ›Proto-Punk‹ oder ›Garage-Rock‹-Stücke geworden ist. Die Gitarre hämmert das immer gleiche Riff in die Saiten, das Piano schlägt parallel dazu zwei oder drei Töne an, immer wieder sucht Cale die selben Tasten, um im Outro des Stücke einen herrlich dissonanten Akkord zu finden, der sich, als einzige Steigerung, geradezu dreist in den Vordergrund drängelt. Was der Punk aus diesem Prototyp übernommen hat, ist nicht zu überhören: ein Riff reicht völlig für einen guten Song, die Wechsel zwischen Strophe, Refrain und/oder Bridge werden überbewertet, endlose Wiederholungen können hochgradig spannend sein und auch falsche Akkorde kann man noch gebrauchen.

[…]

  1. Die Celesta, eine schmales Klavier, in dem Stahlplatten angeschlagen werden, hat John Cale im Studio vorgefunden und direkt eingesetzt. ↩︎
  1. Hier ging es also weder um Re-Make noch um Re-Modelling, sondern um das Nachempfinden von eingängiger Musik, die ihre Tauglichkeit für einen Massenmarkt bereits bewiesen hatte. ↩︎
  2. »Es ist die Musik, die uns aufrecht erhält. Es ist die Musik, die uns vor dem Verücktwerden schützt.« Lou Reed in: The View from the Bandstand, Aspen Magazin, New York, 1966, no. 3 The Pop Art issue, Paper 3 Beidem Aspen Magazin handelt es sich um Boxen, die mit einzelnen Blättern mit Essays, mit Flexi-Disc mit Vinyl-Aufnahmen, Zeichnungen oder Kunstdrucken gefüllt waren.
  3. »In the unpredictable and fearful future that awaits civilization the poet must be prepared to be alienated and indestructible«, in: The vocation of the Poet in the Modern World, 23; Atlas 302, zitiert nach: Studies in American Jewish Literature, Volume 9, No. 2, Kent State University, 1990
  4. zitiert nach: https://werksman.home.xs4all.nl/cale/bio/1963.html ↩︎

Vinylrausch VIII
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