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Richard Hell and the Voidoids – Blank Generation (1977)

Richard Hell & The Voidoids Blank Generation FrontcoverRichard Hell & The Voidoids Blank Generation Backcover

Seite A
Love Comes in Spurts  2:03
Liars Beware  2:52
New Pleasure  1:58
Betrayal Takes Two  3:37
Down at the Rock and Roll Club  4:05
Who Says?  2:07

Seite B

Blank Generation  2:45
Walking on the Water  2:17
The Plan  3:56
Another World  8:14

Wenn die Velvet Underground mit ihrem Debüt 1967 einen Sound erfunden haben, der ein Loch in das Raumzeit-Kontinuum der Popmusik gerissen und genauso auch 1977 oder 1987 geklungen haben könnte, dann sind Richard Hell and the Voidoids ein Beleg dafür. Als Blaupause für die Erfindung der britischen Mode-Punks unter der Regie von Malcom McLaren zeigte Richard Hell seinen bei Rimbaud abgeschauten wuseligen Haarschnitt und die von Sicherheitsnadeln zusammengehaltenen Klamotten auf der Bühne des CBGBs in New York – und spielte dort die unsterbliche Hymne der BLANK GENERATION, dessen Hookline sich langanhaltend in die Gehörgänge fräst.

Beim Vinylrausch VIII haben wir die zweite Seite von diesem Debüt von 1977 hören, das mit kurzen, rauhen Rocksongs auch heute noch nichts an Frische verloren hat.

Eine ausführliche Analyse dieses Albums gibt es im VINYLRAUCH MUSIKMAGAZIN in der zweiten Ausgabe. Hier ein kurzer Auszug daraus:

[…]Bei Richard Hell ist der Einzelne allein und seinem Schicksal buchstäblich von Anfang an ausgeliefert. Schon die Geburt ist eine Zumutung, der sich Hell gerne entzogen hätte: »I was sayin’ let me out of here before I was/even born-«. Wir werden ungefragt in ein Leben gestossen, das sich als Glücksspiel entpuppt. Die Würfel werden bei der Geburt geworfen: »-it’s such a gamble when you get a face« und wer als ‘Gottes Trostpreis/God’s consolation prize’ in dieser Welt begrüßt wird, hat in dem genetischen Glückspiel leider daneben gegriffen. Ob von Aussen abqualifiziert oder von Innen heraus unzufrieden, das einzige, was einem bleibt, ist den Spiegel zu vermeiden und gegen die Wand zu reden: »It’s fascinating to observe what the mirror does/but when I dine it’s for the wall that I set a place«.

Richard Hell macht den eigenen Pessimismus zu einer Generationsfrage. Mit seiner Stimme spricht hier eine Jugend, die sich weigert, beurteilt oder klassifiziert zu werden. Sie akzeptiert die ausgelegten Karten nicht, will sich nicht einordnen und auch nicht von aussen festgelegt werden, sondern selbst entscheiden können, als Einzelne und immer wieder neu:

I belong to the blank generation and
I can take it or leave it each time
I belong to the _____ generation but
I can take it or leave it each time

Musikalisch und inhaltlich bestechend ist hier die ›Leerstelle‹, die diese Generation gleichzeitig markiert und ihre Wahlmöglichkeit hörbar macht: im dritten Vers wird »blank« durch einen kurze Pause ersetzt, die jeder selbst füllen kann. Text und Musik setzten für einen Moment aus und bestätigen damit in doppelter Weise die Aussage des vorhergehenden Verses: »I can take it or leave it each time. | Ich kann es jedes Mal wieder nehmen oder lassen

Das ist natürlich eine deutliche Replik auf die nicht eingelösten Glücksversprechen der letzten Dekade, die von großen Bekenntnissen geprägt war. Liebe, Frieden, Gleicheit, der Traum von revolutionären Veränderungen, von einer neuen Gemeinschaft, einer neuen Basis für Kommunikation und Zusammenleben wird schon Ende der Sechzigerjahre begleitet von nüchternen Bestandsaufnahmen und jugendlicher Ungeduld. Der ›Sommer der Liebe‹ hat sich als ein unglückliches Rendezvous entpuppt, dessen Strahlkraft Anfang der Siebziger von dem Woodstock-Kult zwar medial noch mal wiederbelebt wird1, mit dem Leben orientierungsuchender New Yorker Nachwuchspoeten aber kaum noch etwas zu tun hat. Im wirklichen Leben muss sich jeder allein durchschlagen – und Richard Hell versuchte das mit seinen literarischen Veröffentlichungen, die er unter einem prägnanten Slogan bewarb: »Other books from the blank Generation available from DOT.« Hier taucht die blanke Generation zum ersten Mal auf. Dot Books war die Reihe, in der Hell 1973 einen schmalen Gedichtband mit dem Titel ‘Wanna Go Out’ herausbrachte. Darin wiederum finden sich die ersten Zeilen des Songs versteckt: »… / When I look at the floor foreground / For the scissors on my wrists / And poner upon that little cut / After all I wasn’t even born / When I first said lemme out of here / Marionette mon amour / my … oh / …«2
Der Kern der ›Blank Generation‹ ist für Hell die Chance, sich selber ohne Rücksicht auf andere als Person erfinden zu können. Er ist nicht Teil einer Gruppe oder Anhänger eine Idee, sondern der spätpubertäre Aussenseiter, der sich in einer Nische aus Pessimismus, Depression und Unabhängigkeit eingerichtet hat. »Er war ein völlig zerlegter, abgerissener Typ, der aussah, als wäre er gerade aus einem Abflussloch gekrochen, … als hätte er jahrelang nicht geschlafen, sich jahrelang nicht gewaschen, als hätte sich niemand um ihn gekümmert.« Ein Zitat von Malcolm McLaren, dem späteren Manager der Sex Pistols, der fasziniert war von Richard Hell und dem »Bild von dem Typen mit den stacheligen Haaren.«

Mit seinem Outfit, seinen Texten und seinem Habitus verweigert sich Hell grundsätzlich allen Ansprüchen und reagiert damit auf eine Gesellschaft, die ihn und seine Lebensweise ausgrenzt: »›Ich wurde von der Gesellschaft, in der ich lebe als Null eingestuft‹ (…) Die haben uns vollkommen ausgeschlossen. Das ist so wie in Ralph Ellisons Buch ›Invisible Man‹ – Punks sind Nigger. Wenn ich ausgehe, krieg ich kein Taxi, in Restaurants werde ich mit Beleidigungen überschüttet, ob in New York oder sonstwo – genau die Art Behandlung, die man normalerweise als Vorurteil gegenüber rassischen Minderheiten klassfiziert, läßt man Leuten angedeihen, die so herumlaufen wie ich. Wenn ich mal einen Tag keine Scheiße zu hören kriege, wenn ich den Block entlanglaufe, in dem ich zwei Jahre gewohnt habe, ist das schon eine ziemliche Ausnahme.« […]

  1. Der Woodstock-Film kam im Frühjahr 1970 in Amerika ins Kino und den Mythos der Hippie-Bewegung mit seinem zunehmenden Erfolg um die Welt getragen. ↩︎
  2. zitiert nach: Kane, S. 363 ↩︎
  3. Rock Session 2, Magazin der populären Musik, Herausgegeben von Jörg Gülden und Klaus Humann, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1978, darin: Lester Bangs, Richard Hell: Der Tod bedeute, dass du nie zu sagen brauchst, du wärst unvollkommen, S. 119, aus dem Amerikanischen von Jörg FauserDas heute zu Recht geächtete N-Wort prägt mit einer ähnlich solidarischen Aussage auch den Patti Smith Song ‘Rock‘n‘Roll Nigger‘, von dem oben schon die Rede war.
Vinylrausch VIII
1. Vinylrausch VIII
2. Patti Smith Group – Radio Ethiopia (1976)
3. Richard Hell and the Voidoids – Blank Generation (1977)
4. The Velvet Underground – TVU (1967)
5. Der Klang der Coolness – Vinylrausch VIII
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