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VR #49 – im Rausch der Flöte (Review)

Auch wenn mir ein gewisser Hang zur Euphorie nachgesagt wird – in Bezug auf den Vinylrausch #49 ist sie sicher mehr als gerechtfertigt: Es war ein rundherum gelungener Abend, mit einem auch für mich verblüffend perfekt funktionierendem Programm!

Wir haben den Rausch der Flöte einem großen Freund des Vinylrauschs gewidmet, der leider nicht mehr unter uns ist: Christian Taaks hatte Thick As A Brick zu dessen 50. Jubiläum schon im Frühjahr vorgeschlagen, weil es eine wichtige Platte für ihn und seine musikalischen Vorlieben gewesen ist. Wir hätten dieses, und andere Alben, gerne mit ihm zusammen gehört …

Jethro Tull Label Es kann nicht verwundern, dass Thick As A Brick (TAAB) und Jethro Tull als Band auch für einige der Gäste an diesem Abend eine besondere Bedeutung hatte. Die Band konnte 1971 mit Aqualung und Locomotive Breath zwei wirklich mitreissende Rocksongs in den Charts platzieren. Sie waren ständig auf Tour und hatten seit 1968 einen sehr eigenen Sound entwickelt, zu dem nicht nur die in der Rockmusik seltene Instrumentierung mit einer Flöte als Soloinstrument gehörte. Auch die Mischung aus Folk- und Blues, mit Anklängen an barocke Tafelmusik und psychedelischen Rock, sowie die immer wieder auftauchenden ungerade Taktarten machten den Sound von Jethro Tull zu etwas Besonderem.

All das lud junge Musikhörer Anfang der Siebzigerjahre dazu ein, Fan zu werden. Einer möglichst spezifischen Musikrichtung anzuhängen, war der Versuch, sich zu unterscheiden und sich gleichzeitig über musikalische Vorlieben eigener sozialer Strukturen zu versichern. Das ist bis heute bei musikinteressierten Jugendlichen ein probates Mittel, um den familiären Bindungen etwas Eigenes, unabhängiges und von der Elterngeneration meist nicht geteiltes, entgegensetzen zu können.

Der Künstler will es den Kritikern zeigen

Auch Ian Anderson wollte mit TAAB etwas Eigenes gegen die vorherrschende Meinung der Kritiker setzen, die den Vorgänger ‘Aqualung‘ zu einem Konzeptalbum deklariert hatten. Warum sich Anderson bis heute gegen diese Zuschreibung verwehrt, bleibt allerdings rätselhaft – der Künstler könnte diese offensichtliche Wertschätzung doch auch einfach amüsiert oder geschmeichelt zur Kenntnis nehmen. Immerhin kann ein ‘Werk‘ über die Absichten seines Schöpfers hinaus wirken – sollte es das nicht sogar, um wirkliche Bedeutung zu erlangen?

Thick As A Brick Kritik im CoverAuf jeden Fall hat Ian Anderson die ‘Fehleinschätzung‘ der Kritik dazu getrieben, für das nächste Album eine durchgängige Suite zu komponieren, die dann ein ›echtes‹, weil von ihm geplantes Konzeptalbum ergeben sollte: nur ein Song, aufgeteilt auf zwei Seiten und gespeist aus den Erfahrungen einer Kindheit im Nachkriegsengland. Trotzdem wir die Texte während des ganzen Albums auf der Leinwand mitlesen konnten, bleiben sie nach einhelliger Meinung schwer zu enträtseln. Was klar wurde, war, dass Anderson in seinen Sprachbildern immer wieder Anforderungen, Regeln und Erwartungen der älteren Generation an den jungen Helden anprangert.

Musikalisch sind die Texte unverzichtbar, denn in den sprachrhythmisch geraden Passagen folgt die Musik dem Text und hinterlegt ihn mit einem unterstützenden Background. Die ungerade Metrik vieler Verse fordert die Musik dann aber auch oft heraus und führt immer wieder zu melodischen und rhythmischen Wechseln.

Der Songtext soll, so erzählt es die Titelgeschichte des aufwendig als Tageszeitung gestalteten Covers, von dem ›Wunderkind‹ Gerald Bostock stammen, der sie zu einem Gedichtwettbewerb eingereicht habe, aber abgelehnt wurde.

Nicht vorenthalten möchte ich Euch dazu ein Zitat aus der ersten Auflage des Rocklexikons von 1974, der Bezug nimmt auf diesen vermeintlichen, ‘jungendlichen Autor‘ der Songtexte: »Kinderpsychologen bescheinigen dem juvenilen Autor ein extrem gestörtes Verhältnis zum Leben, zur Nation und zu Gott. Die Musik wurde der Vorlage gerecht.« Herrlich!

Mitreissen war auf jeden Fall der besonders in den Höhen glasklare und differenzierte Sound der gerade erst erschienenen und vom Halfspeed-Master gezogenen Jubiläumspressung des Steven-Wilson-Mix von 2012. Diese Pressung steckt nun auch wieder in dem 16-seitigen, unten umgeklappten Originalcover. Unser Dank geht an Warner Music, die uns diese Kopie zur Verfügung gestellt haben.

Erst Progrock, dann Jazz-Duo

Jeremy Steig LabelIm zweiten Teil des Abends nach der Pause gab es dann mit Jeremy Steig & Eddie Gomez einen stilistisch heftigen Break, der aber durch die Flöte zusammengehalten wurde. Der Sound von ‘Music for Flute & Double Bass‘ war großartig, offen und filigran. Die ruhigen, aber rhythmisch immer spannenden Improvisationen forderten Steig an seinem Instrument zu heftigem Spiel und allerlei technischen Verfremdungen mit Hilfe von Ring-Modulatoren und Generatoren heraus. Wie Anderson überblässt er die Flöte gerne oder unterstützt sein Spiel durch sprachliche Laute.

Der Tipp zu Jeremy Steig stammte von Stammzuhörer Ralph, besten Dank dafür! Auch seine Vermutung, dass Steig, der Anfang ’68 schon ein Blues-Rock Album veröffentlicht hatte, Andersons Flötenspiel beeinflusst haben könnte, scheint nach diesem Hörerlebnis nicht unplausibel.

Stonerrock mit Sendungsbewusstsein trifft auf Pink Floyd

Wucan LabelRund wurde der Abend dann durch die vierte Seite von ‘Reap The Storm‘. Darauf befindet sich ein durchgängiges Stück progressiver Rockmusik der Band Wucan, das mit seinem ambitionierten Thema und dem Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen einen musikalischen Bogen zurück zu Jethro Tull schlagen konnte. Tribal-Rhythmen, Ambientsounds, gefühlvolle Flötentöne und harte Rockriffs führten die Band um Sängerin Francis Tobolsky zu einem aufbrausenden, an Pink Floyd erinnernden Finale, das einen dramatischen Schlusspunkt hinter den Rausch der Flöte setzte.

Vinylrausch #49
1. Jethro Tull – Thick As a Brick (1972)
2. Jeremy Steig & Eddie Gomez – Music for Flute & Double-Bass (1978)
3. Wucan – Reap the Storm (2017)
4. VR #49 – im Rausch der Flöte (Review)

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