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Vinylrausch #49 – Im Rausch der Flöte
Am 22.10. wird uns Ian Anderson mit seiner Flöte an der Nase herumführen
23Sep 22
Rauscharchiv

Review: Der blonde Rausch – Vinylrausch #48

Blondie in Sounds 1979Die Idee zum blonden Rausch ging von Blondie aus, einer Band, die auf ihrem Debüt vor 45 Jahren mittreissende Popmusik veröffentlicht hat, die gleichzeitig zurückschaut und nach vorn weist. Ihr Faible für die klassischen Single-Hits und Radiosongs aus der musikalisch so spannenden Zeit Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre führte uns zu The Supremes, als Beispiel für den Sound der Girlgroups, den Blondie in einigen ihrer Songs aufgreifen wird.

Als aktuellen Kontrapunkt zu dieser Art inszenierter Weiblichkeit wurden mit Sleater-Kinney zum Schluss zwei Veteraninnen der kurzlebigen Riot-Grrl-Bewegung aus den Neunzigern aufgelegt. Sie stehen nicht nur für eine aktive Generation von Frauen, die sich ihren Platz in der Rockmusik selbstbewusst erstritten haben, sondern schreiben auch aufregende, sehr aktuelle und spannend gebaute Songs.

Damit bekam dieser Vinylrausch eine ausgesprochen weibliche Note und wurde so etwas wie ein knapper Überblick über die Rolle von Frauen in der Rockmusik:

Label The Supremes Motown

Bevor Janis Joplin Ende der Sechziger- und Patti Smith Mitte der Siebzigerjahre die bis dahin von männlichen Musikern eingenommenen Positionen als Bandleaderinnen und Songschreiberinnen für sich einforderten, waren Frauen eher Aushängeschilder, als kreative Mittelpunkte von Bands.
Ein kurzer Rückblick: Im Blues, also der Musik der Afroamerikaner, hat es immer auch Sängerinnen gegeben, die auch ein Instrument wie Gitarre oder Piano spielten. In ihren Songs wurden die großen Themen des Blues wie Verlassensein, Untreue, Sehnsucht und sexuell Lust aus weiblicher Perspektive geschildert.
Der weiße Musikmarkt tat sich mit selbstbewussten Frauen sehr viel schwerer und verdrängte in den Fünfzigerjahren weibliche Sängerinnen weitgehend aus den Charts. Die Leidenschaft, der Groove und die aufregende Körperlichkeit des ›schwarzen‹ Blues wurde in der Zeit des Rock’n’Roll fast ausschließlich von (weißen) männlichen Akteuren übernommen. Frauen sangen nicht mehr, sie wurden besungen – meist stereotyp als ›Baby‹ oder ›Angel‹. Tatsächlich sank der Anteil der weiblichen Künstler in den amerikanischen Charts Ende der Fünfzigerjahre von vierzig auf acht Prozent.

Das änderte sich mit den Girlgroups wie The Shirelles, Martha and the Vandellas oder The Supremes, die mit eher biederem Äußeren und einer beruhigten Version des sexuell aufgeladenen R&B auch auf den weißen Musikmarkt zielten.

Zu diesem Thema und zu der Produktionsweise bei Motown siehe auch die Artikel zu Marvin Gaye, Prince und Steve Wonder in der ersten Ausgabe des Vinylrausch Musikmagazins!

Beim Vinylrausch wurden diese als Singles konzipierten und in der Motown-Hitfabrik von Männern, in diesem Fall dem erfolgreichen Trio Holland, Dozier, Holland, geschriebenen Songs, als Kompilation schnell langweilig. Nacheinander gehört wird der schematische Aufbau der Musik, das Wiederholen von einmal ausprobieren musikalischen Elementen und besonders die stereotypen Sprachbilder in den Texten deutlich.

Zehn Jahre später tauchen Blondie in der New Yorker Szene rund um das legendäre CBGBs auf. Deborah Harry als Frontfrau und Sängerin und Chris Stein als ihre langjähriger Partner und Gitarrist bilden den Kern der Band. Sie haben die Musik ihrer Jugend noch im Ohr und wollen Popsongs schreiben, die so gut sein sollen, wie die, die sie Anfang der Sechzigerjahre im Radio gehört haben: »We just remembered those few years in the 1960s when it seemed nearly impossible to turn on the Radio and hear a bad song. We didn’t want to bring back the sixties, we wanted to come up with songs that were that good.«

Das schreibt der Bassist Gary Valentine, der von Stein und Harry zusammen mit zwei weiteren jungen Männern – Clem Burk (Schlagzeug) und Jimmy Destri (Keyboards) – engagiert werden, nachdem ihr gemeinsamer Versuch mit der Girlgroup The Stillettos Anfang der Siebziger an Erfolglosigkeit gescheitert war. Auf ihrem 1977 auch in Europa veröffentlichten Debüt gelingt es der Band dann auf ideale Weise, Stilelemente aus der frühen Rockgeschichte mit dem frischen, druckvollen und perfekt-unperfektem Ansatz von Punk und New Wave zu vermischen. Surf-Gitarren, Countryklänge, Doo-Wop Gesang und harmonische Hintergrundchöre werden geschickt in die mit leicht zu erinnernden Hooklines und Melodielinien gespickten Songs eingeflochten. Tatsächlich gibt es kaum einen schwachen Song auf dem Album, auch wenn wir auf der zweiten Seite noch eine Steigerung sowohl in der musikalischen Vielfalt als auch in der Auswahl der Themen hören konnten. Verblüffend auch, wie gut diese 45 Jahre alte Pressung trotz des großen Tonhöhenumfangs geklungen hat.

Sleater-Kinney Label Path of WellnessSleater-Kinney war dann zum Schluss der gelungene Höhepunkt des Abends – für viele Zuhörerinnen eine Neuentdeckung, die sich gelohnt hat. Auch, oder vielleicht gerade weil ihr aktuelles Album Path of Wellness ohne die Schlagzeugerin Janet Weiss aufgenommen wurde, klingt es entspannter und konzentrierter als der eher verstörende Vorgänger von 2019, der kurz nach dem Bruch veröffentlicht wurde.

Weiss hatte sich nach 25 Jahren von Corin Tucker und Carrie Brownstein getrennt. Damit gehören Tucker und Brownstein zu den wenigen Veteraninnen der Riot Girrl Bewegung aus der Mitte der Neunzigerjahre, die heute noch den von ihnen gegründeten Formationen aktiv sind. Damals hatten junge Frauen besonders an der amerikanischen Westküste die Selbstermächtigung des Punk wiederaufleben lassen. In spontanen (Kunst)Aktionen, Konzerten von rein weiblichen Bands und emotionalen Pamphleten forderten sie eine Art radikalen Feminismus ein. riot-grrl StatementUnd diesen wollten sie ohne Rücksicht auf Geschlecht, sexuelle Orientierung und musikalische Fähigkeiten auch in ihrer, meist lauten und mit dem DIY-Ethos des Punks roh aufgeführten Musik ausleben wollten.

Path of Wellness hat uns mit zupackenden Rocksongs, spannende Hooklines und mit vielschichtigen Texten gezeigt, wie dicht und mitreissend sich heute moderne Rockmusik von selbstbewussten Frauen anhören kann. Alles in allem also ein sehr gelungener Auftakt zu einer neuen Vinylrausch-Staffel.

13Sep 22
Grundrauschen

Abschied von einem großen Musikfreund

Abschied von Christian Taaks
Christian und seine Frau Sabine im Juli dieses Jahres auf der von ihm überaus geschätzten Zappanale

Wir müssen uns von einem großen Musikfreund und wunderbaren Menschen verabschieden: Christian Taaks ist Anfang September nach langer Krankheit gestorben.

Er war ein offener, großzügiger und engagierter Freund spannender und herausfordernder Musik – und ein begeisterter Besucher und Unterstützer des Vinylrauschs. »Sensationelles Programm! Notfalls krieche ich die Stufen in den Fünften hoch, wie bei einer Pilgerfahrt nach Lourdes!« schrieb er mir noch im Juni zum Vinylrausch #47, zu dem er es dann tatsächlich hinauf in den fünften Stock des Sputnik-Kinos geschafft hat.

Seine Freude an guter Musik war mitreissend und grenzenlos. Seine Offenheit beeindruckend und seine Freundlichkeit und Zugewandtheit berührend, ich werde sie nicht vergessen.,

Farewell Christian, wir werden uns wiedersehen …

11Sep 22
News und Termine

Konzerttipp: Charles Mingus – Epitaph

Beim Vinylrausch #21 haben wir von Charles Mingus die 1963 aufgenommene Suite The Black Saint and The Sinner Lady gehört. Ein aufregendes und erschütterndes Werk, als stilistisch weit ausgreifendes Ballett konzipiert und von einem fantastischen 11-köpfigen Orchester eingespielt.

Nur wenige Monate vor den Aufnahmen zu diesem grenzüberschreitenden Album ist Mingus an einem noch ambitionierteren Projekt gescheitert: für die Aufnahmen von Epitaph sollten zwei um klassische Instrumente erweiterte Big-Bands mit- und gegeneinander spielen, und das auch noch live und vor Publikum. Die Vorbereitungen erwiesen sich als zu aufwendig, die Doppelbelastung als Bassist und Orchesterleiter für Mingus als zu ambitioniert und der Verzicht auf einen Dirigenten als fatal.

Mingus hat sein Werk niemals richtig aufgeführt hören können – am 19.09. haben wir aber nun in Berlin die Chance, Epitaph als Parforceritt durch die Geschichte der Jazzmusik und als ambitionierten Clash-of-Genres in großer Besetzung in der Berliner Philharmonie zu hören und zu sehen. Hingehen!

HIer geht es zu der Veranstaltung.

Und hier gibt es das aufschlussreiche Programmheft.

 

Sonderkonzert Epitaph, BigBand der Deutschen Oper Berlin zusammen mit Musikerinnen des Jazz-Institutes Berlin und mit Randy Brecker(!) an der Solo-Trompete, 19.09.22, 20:00 Uhr, Philharmonie

Im Prinzip ist das hier die perfekte Veranstaltung.
Georg nach seinem ersten Vinylrausch XV

Kosmische Brocken

Zum 80. von Frank Zappa
Am 10.12. im Sputnik-Kino

 

Es war ein tolles Erlebnis, hat uns sehr gut gefallen.
Rene und Anita nach ihrem ersten Vinylrausch III

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