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Weitermachen: Vinylrausch #51 stärkt für dunkle Tage
Noch einmal besinnungslos Musik hören am 15.12., bevor die Besinnlichkeit übernimmt ...
Mark Fridvalszki - Gemälde
Programm zum Vinylrausch #50
Diese Alben werden wir beim Vinylrausch #51 am Donnerstag, 15.12.22 um 19:30 Uhr hören:
22Nov 22
Rauscharchiv

Die Jubiläums-Review – Vinylrausch #50

Der Vinylrausch ist 50 geworden, wer hätte das gedacht!

Zwei Ortswechsel und eine Pandemie haben uns aufgehalten, darum hat es etwas gedauert, war dann aber am 17.11.22 in der wunderbaren Sputnik-Bar auch etwas ganz Besonderes.

Programm zum Vinylrausch #50

Mark Fridvalszki - GemäldeDazu haben in erster Linie unsere Gäste an diesem Abend beigetragen: Szabolcs ‘Szabi‘ Bognár war ein überaus angenehmer und kompetenter Gesprächspartner und hat nicht nur einige Bandmitglieder mitgebracht, sondern auch sein Debütalbum ‘Invocation‘, das er als Bandleader der Gruppe Àbáse in Budapest aufgenommen hat.

Mark Fridvalszki hat sich als Künstler mit den Parallelen zwischen dem Aufbruch der Fusion-Musiker in neue musikalische Welten und den politischen Umwälzungen 1989/90 beschäftigt. Er hat uns ein aktualisiertes Fanzine und eine großformatige Arbeit auf Basis des Covers von ‘Return to Forever‘ mitgebracht.

Die Zukunft – inmitten der Vergangenheit

Begonnen haben wir die #50 natürlich mit dem gerade 50 Jahre alte gewordenen Album des Monats ‘Return to Forever‘ von Chick Corea. Ausgebildet als klassischer Pianist hat Chick Corea erst nach dem legendären Anruf von Miles Davis das elektrische Piano, die Fender Rhodes für sich entdeckt. Corea ist in seinen Fusion-Projekten bei diesem Instrument geblieben, denn es kann mit der Lautstärke von elektrisch verstärktem Bass und Gitarre besser mithalten als ein Piano. Szabolcz Bognár spielt selbst auch Fender Rhodes und hat uns darauf hingewiesen, dass der spezielle Sound dieses Instruments musikalische Flächen ausfüllen kann, weil die Töne lange im Raum stehen und nachschwingen.

Die erste Aufnahme, die Chick Corea mit Miles Davis gemacht hat, war das bahnbrechende, von Jimi Hendrixs ‘The Wind Cries Mary‘ inspirierte ‘Mademoiselle Mabry‘ auf dem Album Filles de Kilimanjaro. Wie Miles Davis von Betty Mabry mit Hendrix und Sly Stone bekannt gemacht wurde und seinen elektrischen Jazz dann mit dem durchschlagenden Beat der modernen Rockmusik verbunden hat, haben wir bereits zur Halbzeit, beim Vinylrausch #25 gehört!

Chick Corea Return to Forever Label

Zurück in die Ewigkeit

Für ‘Return to Forever‘ hat Chick Corea Musik komponiert, die vor Kraft und Energie zu bersten scheint und dabei doch leicht und luftig klingt. Die Bandmitglieder reagieren sensibel aufeinander. Sie nehmen Melodielinien oder rhythmische Figuren der Kollegen auf und entwickeln sie weiter, jeder auf seine Weise. Der erst 19-jährige Stanley Clark klingt in seinen entwickelten Soli erstaunlich selbstbewusst, Airto Moreira treibt mit komplexen Rhythmen an und Joe Farells Flöte harmoniert wunderbar mit Flora Purims wortlosen Gesangsimprovisationen. Motiviert, gefüttert und verbunden werden sie aber durch die perlenden Läufe von Chick Corea und den lange nachklingenden Sound des elektrischen Pianos.

Für diese Art von Musik sind die Hans Deutschmann-Boxen unserer Vinylrausch-Anlage ideal, sie produzieren einen durchsichtigen Klang, in dem jedes Instrument offen im musikalischen Raum zu stehen scheint. Ein echtes und beeindruckendes Hörerlebnis, von dem viele Gäste beeindruckt waren!

»Ich kenne das Album in- und auswendig, aber hier, und das geht mir immer so, hier beim Vinylrausch höre ich plötzlich Sachen, die ich noch nie gehört habe. Es ist faszinierend.«
Thomas, Vinylrausch-Besucher.

Vinylrausch #50 in der Sputnik-Bar

Die ‘Anrufung‘ (Invocation) der  Vergangenheit

Nicht weniger gut klang im Anschluss eine aktuelle Pressung von 2019, das Debüt der Band unseres Gastes Szabolcs Bognár mit dem Titel ‘Invocation‘. Man hört dem Album deutlich an, wie fasziniert Bognár von dem groovigen Fusion-Sound Chick Coreas ist. Bognárs rhythmusbetontes Spiel gibt der Musik auf dem Album zusammen mit den treibenden, von vielen Fills und Verzierungen geprägtem Schlagzeugspiel eine unaufgeregte Dynamik. Die präsente Flöte schwebt als Soloinstrument über den sich wiederholenden Groove-Pattern, die von Bognárs Faszination für brasilianische Rhythmen geprägt sind. Dieser filigrane Sound erinnert bei zwei der Titel auf der A-Seite deutlich an ‘Return to Forever. Die Band lebt von ihrer großen Spielfreude und der Lust, ihren eigenen, aus Jazz und Hip-Hop kommenden Hintergrund in einem großen Bogen mit ihrer Faszination für die Geburt des Fusion-Jazz zu verbinden. Eine wunderbare Entdeckung mit einem wirklich tollem Sound.

Die Verkündigung des Groove

Mit ‘Abraxas‘ von Santana haben wir dann noch ein weiteres echtes Schwergewicht aufgelegt. Das auf diesem Album die afro-kubanischen Rhythmen in der Rockmusik angekommen sind, davon kündet schon das programmatische Cover: Ein weiblicher Erzengel schwebt auf einer Conga-Trommel zu der schwarzen Jungfrau, die sich provokant offen und mit einer Friedenstaube im Schritt auf ihrem bunten Thron räkelt. Das Bild von Mati Klarwein hat Carlos Santana in einer Zeitung entdeckt und gegen den Willen der Plattenfirma durchgesetzt. Es steht perfekt für eine Musik, deren berstende Energie von einem Percussion-/Schlagzeug-Trio aus zwei Conga-Spielern und einem Rock-Schlagzeuger geprägt ist.

Abraxas Cover full

‘Abraxas‘ lebt aus seiner Vielfalt: neben den von treibenden Percussionläufen geprägten Songs wie ‘Black Magic Women‘ oder ‘Se A Cabo‘ gibt es mit ‘Oye Como Va‘ eine Reminiszenz an den lateinamerikanischen Jazz der Sechziger, mit ‘Hope Your Feeling Better‘ eher klassischen Bluesrock und mit ‘Incident at Neshibur‘ sogar psychedelische Rockklänge zu hören. Diese belebend abwechslungsreiche Mischung hat uns auf das Beste unterhalten und für eine erstaunlich große Anzahl an Zuhörern und Zuhörerinnen den Vinylrausch #50 würdig abgeschlossen.

Mark Fridvalszki - Gemälde

25Okt 22
News und Termine

Im November wird der Vinylrausch 50!

Einmal im Monat feiert der Vinylrausch im Sputnik-Kino das Album als Kunstwerk. Am 17.11. werden nun schon zum 50. mal drei Platten auf der ausgesuchten Hifi-Anlage aufgelegt und komplett, konzentriert und laut durchgehört – während Songtexte und Fotos parallel auf der Leinwand laufen.

Programm zum Vinylrausch #50
Zum Jubiläum gibt es afro-kubanischer Rhythmen in Jazz- und Rockmusik: Chick Corea hat auf seinem Debüt ‘Return To Forever‘ (1972) lange, energetisch aufgeladen Songs entwickelt, die leicht und luftig daherkommen, beim konzentrierten Zuhören aber immer neue Facetten offenbaren. Ein ganz wunderbares Klangerlebnis zwischen Fusion und Electric Jazz, ein Meilenstein der Musikgeschichte, der gerade 50 Jahre alt geworden ist.

Direkt auf dieses Album wird sich an diesem Abend ein Gast beziehen, auf den wir uns sehr freuen: der in Bulgarien geborene und seit 2018 in Berlin lebende Keyboarder, Bandleader und DJ Szabolcs Bognár ist in seinem Spiel nachhaltig von Chick Corea beeinflusst. Mit seiner Band Àbáse hat er 2019 das Album ‘Invocation’ eingespielt. Auf seinem Debüt verbindet der grundsympathische Musiker auf erfrischende Weise einen durchsichtig klingenden Fusion-Jazz mit afrikanischen und afro-brasilianischen Rhythmen. Der Einfluss von Chick Corea ist mindestens auf zwei Stücken deutlich zu hören. Im Gespräch wird er seine Begeisterung für ‘Return to Forever‘ und für gerade und ungerade Rhythmen mit den Zuhörern teilen.

Weitaus rockiger wird es dann mit Santana, der mit dem latinlastigen Album ‘Abraxas‘ von 1970 zur Vinylrausch-Party aufspielt. Einzelne Songs wie ‘Oye Como Va‘ oder ‘Black Magic Woman‘ wird jeder im Ohr haben. Richtig spannend ist aber erste die Vielfalt des Albums: Bluesrock, psychedelische Sounds, gefühlvolle Gitarren und der alles befeuernde lateinamerikanisch geprägte Groove ergeben eine beeindruckend weiträumige und doch konsistente Mischung.

24Okt 22
Rauscharchiv

VR #49 – im Rausch der Flöte (Review)

Auch wenn mir ein gewisser Hang zur Euphorie nachgesagt wird – in Bezug auf den Vinylrausch #49 ist sie sicher mehr als gerechtfertigt: Es war ein rundherum gelungener Abend, mit einem auch für mich verblüffend perfekt funktionierendem Programm!

Wir haben den Rausch der Flöte einem großen Freund des Vinylrauschs gewidmet, der leider nicht mehr unter uns ist: Christian Taaks hatte Thick As A Brick zu dessen 50. Jubiläum schon im Frühjahr vorgeschlagen, weil es eine wichtige Platte für ihn und seine musikalischen Vorlieben gewesen ist. Wir hätten dieses, und andere Alben, gerne mit ihm zusammen gehört …

Jethro Tull Label Es kann nicht verwundern, dass Thick As A Brick (TAAB) und Jethro Tull als Band auch für einige der Gäste an diesem Abend eine besondere Bedeutung hatte. Die Band konnte 1971 mit Aqualung und Locomotive Breath zwei wirklich mitreissende Rocksongs in den Charts platzieren. Sie waren ständig auf Tour und hatten seit 1968 einen sehr eigenen Sound entwickelt, zu dem nicht nur die in der Rockmusik seltene Instrumentierung mit einer Flöte als Soloinstrument gehörte. Auch die Mischung aus Folk- und Blues, mit Anklängen an barocke Tafelmusik und psychedelischen Rock, sowie die immer wieder auftauchenden ungerade Taktarten machten den Sound von Jethro Tull zu etwas Besonderem.

All das lud junge Musikhörer Anfang der Siebzigerjahre dazu ein, Fan zu werden. Einer möglichst spezifischen Musikrichtung anzuhängen, war der Versuch, sich zu unterscheiden und sich gleichzeitig über musikalische Vorlieben eigener sozialer Strukturen zu versichern. Das ist bis heute bei musikinteressierten Jugendlichen ein probates Mittel, um den familiären Bindungen etwas Eigenes, unabhängiges und von der Elterngeneration meist nicht geteiltes, entgegensetzen zu können.

Der Künstler will es den Kritikern zeigen

Auch Ian Anderson wollte mit TAAB etwas Eigenes gegen die vorherrschende Meinung der Kritiker setzen, die den Vorgänger ‘Aqualung‘ zu einem Konzeptalbum deklariert hatten. Warum sich Anderson bis heute gegen diese Zuschreibung verwehrt, bleibt allerdings rätselhaft – der Künstler könnte diese offensichtliche Wertschätzung doch auch einfach amüsiert oder geschmeichelt zur Kenntnis nehmen. Immerhin kann ein ‘Werk‘ über die Absichten seines Schöpfers hinaus wirken – sollte es das nicht sogar, um wirkliche Bedeutung zu erlangen?

Thick As A Brick Kritik im CoverAuf jeden Fall hat Ian Anderson die ‘Fehleinschätzung‘ der Kritik dazu getrieben, für das nächste Album eine durchgängige Suite zu komponieren, die dann ein ›echtes‹, weil von ihm geplantes Konzeptalbum ergeben sollte: nur ein Song, aufgeteilt auf zwei Seiten und gespeist aus den Erfahrungen einer Kindheit im Nachkriegsengland. Trotzdem wir die Texte während des ganzen Albums auf der Leinwand mitlesen konnten, bleiben sie nach einhelliger Meinung schwer zu enträtseln. Was klar wurde, war, dass Anderson in seinen Sprachbildern immer wieder Anforderungen, Regeln und Erwartungen der älteren Generation an den jungen Helden anprangert.

Musikalisch sind die Texte unverzichtbar, denn in den sprachrhythmisch geraden Passagen folgt die Musik dem Text und hinterlegt ihn mit einem unterstützenden Background. Die ungerade Metrik vieler Verse fordert die Musik dann aber auch oft heraus und führt immer wieder zu melodischen und rhythmischen Wechseln.

Der Songtext soll, so erzählt es die Titelgeschichte des aufwendig als Tageszeitung gestalteten Covers, von dem ›Wunderkind‹ Gerald Bostock stammen, der sie zu einem Gedichtwettbewerb eingereicht habe, aber abgelehnt wurde.

Nicht vorenthalten möchte ich Euch dazu ein Zitat aus der ersten Auflage des Rocklexikons von 1974, der Bezug nimmt auf diesen vermeintlichen, ‘jungendlichen Autor‘ der Songtexte: »Kinderpsychologen bescheinigen dem juvenilen Autor ein extrem gestörtes Verhältnis zum Leben, zur Nation und zu Gott. Die Musik wurde der Vorlage gerecht.« Herrlich!

Mitreissen war auf jeden Fall der besonders in den Höhen glasklare und differenzierte Sound der gerade erst erschienenen und vom Halfspeed-Master gezogenen Jubiläumspressung des Steven-Wilson-Mix von 2012. Diese Pressung steckt nun auch wieder in dem 16-seitigen, unten umgeklappten Originalcover. Unser Dank geht an Warner Music, die uns diese Kopie zur Verfügung gestellt haben.

Erst Progrock, dann Jazz-Duo

Jeremy Steig LabelIm zweiten Teil des Abends nach der Pause gab es dann mit Jeremy Steig & Eddie Gomez einen stilistisch heftigen Break, der aber durch die Flöte zusammengehalten wurde. Der Sound von ‘Music for Flute & Double Bass‘ war großartig, offen und filigran. Die ruhigen, aber rhythmisch immer spannenden Improvisationen forderten Steig an seinem Instrument zu heftigem Spiel und allerlei technischen Verfremdungen mit Hilfe von Ring-Modulatoren und Generatoren heraus. Wie Anderson überblässt er die Flöte gerne oder unterstützt sein Spiel durch sprachliche Laute.

Der Tipp zu Jeremy Steig stammte von Stammzuhörer Ralph, besten Dank dafür! Auch seine Vermutung, dass Steig, der Anfang ’68 schon ein Blues-Rock Album veröffentlicht hatte, Andersons Flötenspiel beeinflusst haben könnte, scheint nach diesem Hörerlebnis nicht unplausibel.

Stonerrock mit Sendungsbewusstsein trifft auf Pink Floyd

Wucan LabelRund wurde der Abend dann durch die vierte Seite von ‘Reap The Storm‘. Darauf befindet sich ein durchgängiges Stück progressiver Rockmusik der Band Wucan, das mit seinem ambitionierten Thema und dem Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen einen musikalischen Bogen zurück zu Jethro Tull schlagen konnte. Tribal-Rhythmen, Ambientsounds, gefühlvolle Flötentöne und harte Rockriffs führten die Band um Sängerin Francis Tobolsky zu einem aufbrausenden, an Pink Floyd erinnernden Finale, das einen dramatischen Schlusspunkt hinter den Rausch der Flöte setzte.

Im Prinzip ist das hier die perfekte Veranstaltung.
Georg nach seinem ersten Vinylrausch XV

Ich kenne das Album in- und auswendig, aber hier, und das geht mir immer so, hier beim Vinylrausch höre ich plötzlich Sachen, die ich noch nie gehört habe. Es ist faszinierend.
Thomas beim Jubiläums-Rausch #50

Kosmische Brocken

Zum 80. von Frank Zappa
Am 10.12. im Sputnik-Kino

Es war ein tolles Erlebnis, hat uns sehr gut gefallen.
Rene und Anita nach ihrem ersten Vinylrausch III

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