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Review VR #77 – Der feurige Rausch

Bob Dylan ist im Jahr 2025 in aller Munde. Dieses Mal aber nicht, weil das jährlich erwartete Konzert seiner Never Ending-Tour wie immer zwiespältig aufgenommen wurde – von den einen als erwartbar und langweilig und von den anderen als stoisch sicher und historisch begeisternd. So, oder ähnlich, kann man es seit vielen Jahren hören, denn Dylans nicht-kommunikative Konzertperformance, seine seit jeher eigen klingende Stimme und der professionell erdige Sound seiner Begleitcombo sind immer wieder gleichzeitig für Aufregung und Begeisterung gut. 

2025 ist das in Bezug auf Bob Dylan anders, denn in diesem Jahr können sich Musikfans jeder Art darauf einigen, dass der Kinofilm LIKE A COMPLETE UNKNOWN emotional, spannend und rundherum gelungen ist. Selbst die größten Dylanfans und Musikauskenner können sich scheinbar mit kleineren Fehlern und künstlerischen Freiheiten in der Darstellung der ersten Jahre des musikalischen Riesen arrangieren. 

Kein Wunder also, dass der feurige Vinylrausch #77 das am 30.08.1965 erschienene, und damit gerade 60 Jahre alt gewordene Album Highway 61 Revisited von Bob Dylan zum Album des Monats erkoren hat. 

Highway 61 ist ein Meilenstein der Rockmusik, als Album eine Ikone, die Dylan auf der lyrischen Ebene als einen Meister der offenen, vielseitig klingenden Sprachbilder zeigt. Musikalisch bricht er den Country-Blues auf und impft ihm mit Rock-n-Roll-Beat, drängendem Gesang und scharfen Gitarren- oder Orgelklängen die neue Zeit ein. Like A Complete Unknown zeigt die Anfänge von Dylans Karriere exakt bis zu dem Punkt, an dem Highway 61 entstanden ist. Der Film versucht dabei, die Erschütterung deutlich zu machen, die Dylans Weigerung, sich von den Ansprüchen seiner Fans und der Folk-Puristen vereinnahmen zu lassen, ausgelöst hat. 

Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in seiner Karriere wirft Dylan mit dem Wandel vom Folksänger zum lyrischen Rocker vieles um, was seine Fans von ihm erwartet haben. Er vergrätzt die ’alten Linken’, die traditionsbewussten Folkfans und gebärdet sich als ’junger’ Mensch: 

»Ah, but I was so much older then
I’m younger than that now
Bob Dylan, My Back Pages

Die Pressung aus den Siebzigern hatte einen vollen Sound, war dabei aber manchmal etwas scharf in den Höhen. Ein dichtes Hörerlebnis, das uns die komplexen Texte mit den vielen Namensnennungen näher gebracht hat. 

Voller Endorphine und voller Drogen: »Tief in der Nacht bin ich in der Liebe verloren …«

Fünf Jahre sind für die Rockmusik in den aufregenden Sechzigern und Siebzigern eine Ewigkeit. Genug Zeit jedenfalls, um den Blues gehörig durch die Mangel zu drehen: er wurde elektrifiziert, psychedelisch aufgeladen, progressiv verfrickelt und um 1970 dann immer härter und lauter. 

Funhouse von The Stooges ist 1970 erschienen und ein gewollter Kontrast im Programm des Vinylrausch #77. Iggy Pop hat für seine Band viele Einflüsse aufgesogen, eine treibende Kraft war auch für ihn die Komplexität, die Eigensinnigkeit und Wirkmächtigkeit von Bob Dylan. Funhouse spiegelt nun die eher düstere Realität einer Generation, die zwischen der Sehnsucht nach gemeinschaftlichen Veränderungen und zunehmender Aufsplitterung hin- und hergerissen ist. 

Die Musik ist experimentell, provokant und suggestiv. Das Album öffnet sich von den ersten, noch strukturierten Songs, zunehmend in Richtung Improvisation und mäandernden Grooves – ein eher frontal gemischtes, flächiges Klangerlebnis, das durch seine rohe Energie mitgerissen hat. 

Ein popmusikalisches Wechselbad: »we float …« 

Zwei Generationen später hat PJ Harvey von Veränderungen genug und versucht mit Stories From The City, Stories From The Sea ein Album voller perfekt vertrackter Popsongs zu schreiben. Harvey ist nach eigener Aussage »mit einer Dylan-Diät« aufgewachsen, denn mehr als die Hälfte der Plattensammlung ihrer Eltern bestand aus Dylan-Alben. Die Eltern haben ihr auch empfohlen, das beeindruckende Cover von Highway 61 Revisited auf ihrem zweiten Album Rid Of Me zu veröffentlichen:

Sie passt damit als weibliche Postpunkkünstlerin perfekt zu den beiden ebenso eigenwilligen wie männlichen Vorgängern an diesem Abend. Musikalisch sind die Stories From The City, Stories From The Sea ein unterhaltsames Wechselbad zwischen kratzigem Krach und sanften Melodien, mit leichten Abzügen in der B-Note, wenn mancher Refrain etwas zu popig daherkommt … 

Ein abwechslungsreicher Abend, der – mit leichtem Murren der radikalmusikalischeren Minderheit – Lust auf einen herausfordernden Vinylrausch-Herbst gemacht hat. 

Vinylrausch #77
1. PJ Harvey – Stories From The City, Stories From The Sea (2000)
2. Bob Dylan – Highway 61 Revisited (1965)
3. The Stooges – Funhouse (1970)
4. Review VR #77 – Der feurige Rausch
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