Die Programme beim Vinylrausch sollen sich möglichst unterscheiden. Nach den Blues und Post Rock Eskapaden desirischen Vinylrausch #80wurde es darum beim Vinylrausch #81 ausladender und opulenter – mit Rockmusik, die deutlich Gefallen am klassischen Pop-Song zeigte.
Ausgangspunkt war das ganz aktuelle Album von Rosalie Cunningham To Shoot Another Day von 2024 mit opulenten Popsongs, modernem Psychedelic Rock und frischem Canterbury-Sound. Eines der prägendsten Alben dieses Genres ist das wunderbare InThe Land of Grey and Pink von Caravan, das beim Vinylrausch #43 unser Album des Monats gewesen ist. Dazu kamen das ebenso experimentierfreudige wie Pop-orientierte Quartett von 10cc mit The Original Soundtrack von 1975.
Damit ging es also vollkommen unbeabsichtigt von Irland nach England. Beabsichtigt war dagegen der Berlinalebezug bei einem Vinylrausch im Februar, denn die Alben von 10cc und Rosalie Cunningham thematisieren die Filmwelt nicht nur inhaltlich, sondern schon auf ihren Covern.
Los ging der Abend natürlich mit Caravan und In the Land of Grey and Pink. Der erste Song Golf Girl wird gleich von einem Posaunen-Stakkato eingeleitet. Ein Beleg für den Einfluss, den die amerikanischen Jazz-Rockbands der ersten Stunde Anfang der Siebziger auf die jungen britischen Musiker hatten.
Der Brass Rock ist zwischen 1969 und 1972 besonders populär gewesen. Einige der amerikanischen Bands, die begonnen haben, Blechbläser aus der Tradition der Jazz Bigbands in die Rockmusik zu integrieren, sind von uns schon aufgelegt worden: Blood, Sweat & Tears waren beim Vinylrausch #03 dabei, Chase bei #47 und Chicago bei #28. Die englische Band Soft Machine hat diesen Ansatz aus Amerika mitgebracht, denn dort sind sie zusammen mit B,S&T getourt. Soft Machine kommen aus Canterbury und sie sind damit Teil und eine der prägenden Bands des sogenannten Canterbury-Stils. Während Soft Machine sich damit aber eher in Richtung Jazz entwickelten, blieben Caravan bei einer Mischung aus Jazz, Pop und Rock. Eine ausführliche Kritik zu dem einflussreichen, selbstbetitelten Album von Blood, Sweat & Tears, das großen Einfluss hatte, gibt es in der ersten Ausgabedes Vinylrausch Musikmagazins.
In the Land of Grey and Pink haben wir in der hochwertigen Deram-Pressung von 2018 gehört. Der wunderbar durchsichtige, warme Sound des Albums ist in dieser Pressung perfekt erhalten und passt einfach zu der fröhlichen Musik. Sie zieht ihre Spannung aus der Mischung von Jazz-Elementen mit weit ausladenden Melodien und dem in langen Strophen organisierten, weichen Gesang von Pye Hastings. Die A-Seite schafft den in der Rockmusik seltenen Spagat zwischen dem ernsthaften Interesse an packenden Pop-Melodien, überbordenden Texten und belebenden musikalischen Injektionen in den verbindenden musikalischen Brücken.
10cc haben auf der A-Seite von The Original Soundtrack drei Genres-Songs angeboten: eine skurrile Mini-Oper mit experimentellen Soundwechseln, ein Liebeslied mit orchestralem Klang und einen funkigen Rocker. Ihre Stärke ist neben der filigran konstruierten Musik besonders der (britische) Humor in den Texten. So ist der Nr. 1 Hit I’m Not In Love natürlich doch ein Lied über die Liebe, auch wenn der Text durchgehend von Abschied spricht. Und die abstrusen Geschichten von One Night in Paris und Blackmail haben einen durchgängig hohen Unterhaltungswert. Ein tolles Album von einer der intelligentesten Bands der Siebziger!
Rosalie Cunningham scheint mit ihren schwer zu entschlüsselnden Texten eher an die traumhaften Bildwelten von Caravan als an die trockene Ironie von 10cc anzuschließen. Ihren songorientierten, psychedelischen Rock nennt sie selbst auf diesem Album ’spy-chedelic’, denn es ist von James-Bond-Filmmusik inspiriert. Das hört man mit Anklängen an das Goldfinger-Thema besonders deutlich im Titelsong. Das vielfältige Album To Shoot Another Day hat uns von Cabaret- und Vaudeville-Elementen über harten Metal-Backbeat und gitarrenlastigen Space-Rock bis in ein orchestrales Finale getrieben, in dem von einem Saxofonsolo sogar ein jazziger Akzent gesetzt wurde. Eingängige Melodien und nicht abreißende musikalische Ideen machen das Album überaus unterhaltsam. Lediglich die in einigen Arrangements angelegte Theatralik war über zwei Seiten vielleicht doch etwas viel des Guten.
Das wird bei dem aufgeregt erwarteten Live-Auftritt von Rosalie Cunningham (Live-Fotos) und Band am 20.03. im Lido aber kein Problem sein, denn live ist die Band mitreissend rockig – eine unbedingte Empfehlung!
Eine verblüffende Verbindung über 52 Jahre Musikgeschichte und eine "kosmische Post-Punk Dystopie" als reinigendes Gemeinschaftserlebnis.
1970
Taste – On The Boards
On The Boards ist in seiner Bandbreite und für Rory Gallagher ein ungewöhnliches Album: akustischer Folk, schwebender Jazz und tiefer Blues beim VR #80
2017
The Jimmy Cake – Tough Love
Tough Love war beim VR #80 eine im wahrsten Sinne berauschende Erfahrung – ein sich auftürmendes Klanggebirge mit großem Sound!
2022
Fontaines D.C. – Skinty Fia
Skinty Fia hat uns mit seinen wunderbaren Songs, den feingestrickten Texten und dem dringlichen Gesang beim VR #80 fasziniert.
Ein besonderer Rausch zu einem besonderen Jubiläum: Zehn Jahre danach noch einmal One Size Fits All, eingerahmt von zwei echten Schwergewichten!
1975
Frank Zappa – One Size Fits All
Mit One Size Fits All fing alles an – darum war es unser Album des Monats sowohl beim Vinylrausch #1, als auch 10 Jahre später beim VR #79 …
1976
Hermann Szobel – Szobel
Szobel (1976) war der herausragende Abschluss des VR #79 und passte perfekt sowohl zu Frank Zappa UND Igor Stravinsky. Verblüffend reife Musik!
2023
Igor Stravinsky – Le Sacre du Printemps
Le Sacre du Printemps in einer Aufnahme von Claudio Abbado von 1976 hat uns als Auftakt zum VR #79 gehörige durcheinander gerüttelt. Fantastischer Sound und großartige Musik!