Und wieder war die Kinobar im Sputnik bis auf den letzten Platz besetzt – erstaunlich bei der komplexen Musik, die der große Vinylrausch #84 zu bieten hatte! Thema war die große Form, also der Versuch, Rockmusik als Suite, als Abfolge von zusammenhängenden, aber unterschiedlichen Songteilen zu entwickeln.
Orgelgewitter und Schlagzeug-Explosionen
Das Album des Monats begann dann auch gleich mit einer solchen Suite: Tarkus von Emerson, Lake and Palmer enthält auf der ersten Seite das gleichnamige, aus sieben Teilen bestehende und zwanzig Minuten lange Stück. Orientiert hat sich Keith Emerson beim Entwickeln dieser großen Form an dem Orchesterstück The Planets des englischen Komponisten Gustav Holst, das ebenfalls aus sieben Teilen besteht. The Planets ist 1920 uraufgeführt worden und der aufbrausend dynamische Beginn, der unter dem Titel Mars in den Zwanzigerjahren ein echter Hit wurde, könnte Inspiration für den ersten Teil von Tarkus gewesen sein – die Eruption setzt einen ähnlich kräftigen Auftakt mit stakatohaften Orgelkaskaden und darauf antwortenden Schlagzeugwirbeln.
Während die instrumentalen Parts von ausufernden Orgelsoli auf einem rhythmisch vertrackten Hintergrund geprägt sind, geht es in den von Greg Lake gesungenen Songs eher zahm im 4/4-Takt voran. Faszinierend war beim Vinylrausch mal wieder die Klangqualität einer unspektakulären Pressung aus den Siebzigern – die Orgeleskapaden standen mitten im Raum und auch die immer wieder faszinierenden Ideen von Carl Palmer am Schlagzeug waren druckvoll zu hören.
Tatsächlich hatten zwei Zuhörer die Aufführungen dieses Albums mit dem im Zuschauerraum auffahrenden Modell des Tarkus in den Siebzigerjahren miterlebt!
Das Konzept des Konzeptalbums
Allan Parsons hat als Tontechniker für Pink Floyd Dark Side of The Moon betreut, und diesen Hintergrund hört man auf Tales of Mystery and Imagination, einem Album, das orchestrale Sounds, Pop und progressiven Rock verbindet. Stetig pulsierende Töne, getragene Choräle oder langsam anschwellende, dramatische Passagen formen große Sounds, die ins Ohr gehen und hängen bleiben.
Parsons hat ein Händchen für das wirkungsvolle Auf- und ab in der Musik, er bremst den orchestralen Sog mit langsamen und leisen Passagen immer wieder aus, nur um dann den nächsten Höhepunkt zu einem noch dichter gestrickten Soundgipfel zu entwickeln.
Die Dramatik beziehen die Songs dabei aus dem von seinem Partner Eric Woolfson entwickelten Konzept einer Vertonung der ebenso düsteren wie dramatischen Kurzgeschichten Edgar Allen Poes.
Der Sound war auch hier wieder sehr transparent und selbst in den Orchesterpassagen luftig. Allerdings sollen, wie von einem Kenner des Albums angemerkt wurde, spätere Mischungen des Albums im Bassbereich voller klingen …
Der Huf, der Fuss: ein Traum
»Ein Traum« hat der langjährige Vinylrausch-Besucher Ingo das Album genannt – und damit hat er recht! Die Musik pirscht sich in der beeindruckend großen Suite, dem durchgängigen, aus vielen Teilen bestehenden Stück The Last Flight of the Ratite ganz langsam heran. Ein großer Raum voller hell klingender Töne, in dem sich ohne Eile eine um sich selbst kreisende Melodie entwickelt. Der schlichte Schlagzeugbeat wird von Tablas begleitet und bricht mit jedem neuen Ansatz in drängenden Wirbeln auf. In den Soli haben Gitarre oder Flöte Zeit, sich langsam zu entwickeln und im musikalischen Raum zu orientieren.
Das Debüt-Album der schwedischen Band Hooffoot ist ein Meisterwerk, das wir schon beim Vinylrausch #03 entdeckt und in der ersten Ausgabe des Vinylrausch Musikmagazin gewürdigt haben. Beim Vinylrausch #84 wurde das Vinyl zum ersten Mal von unserem 2M Black LVB 250 Tonabnehmersystem abgetastet – der Sound war in jeder Hinsicht beeindruckend, groß, luftig und transparent im Raum, ein Erlebnis!
Der herausfordernde Vinylrausch #84 ging nach diesem großen Finale dann mit spontanem Beifall zu Ende. Ein großer Abend.
Es gibt bisher zwei weitere Alben von der Band, die von ähnlicher Qualität sind und die man auf Bandcamp hören und erwerben kann.
Wir freuen uns riesig, dass Hooffoot in diesem Jahr 2026 noch einmal auf dem Herzberg auf der Freak Stage zu hören sein werden! Danke an Charly – und an das Herzberg Festival!
Eine Provokation, ein vermeintlicher Selbstläufer und ein selten aufrührendes aktuelles Werk in einem sehr lebhaften Vinylrausch #83
1971
Loudon Wainwright III – Album II
Mit dem Album II war Wainwright mit knarzender Stimme und Storys aus dem Leben ein selbstironischer Auftakt zum VR #83
1976
Joan Armatrading – Joan Armatrading
Auf Joan Armatrading gibt es keinen keinen schwachen Song, die Texte sind ehrlich, die Instrumentierung überraschend – Album des Monats beim VR #83
2016
Anohni – Hopelessness
Hopelessness verpackt erdrückend deutliche Botschaften in packende Popsongs – Namensgeber für den trojanischen Rausch #46 und in seiner Radikalität auch fünf Jahre später noch ein Höhepunkt beim VR #83
Ein wütender Rausch angesichts der vertrackten Lage in dieser Welt – und dessen, was Menschen Menschen immer wieder antun.
1970
Black Sabbath – Paranoid
Paranoid hat Heavy Metal begründet und Position gegen den Krieg bezogen, beim schwarzen VR #44 und beim wütenden VR #82
1971
Marvin Gaye – What´s Going On
What´s Going On ist mit dem großen Motown -Soul -Orchester beim Vinylrausch IV dabei gewesen – und mit seinen Klagen über Krieg und Umweltzerstörung beim wütenden VR #82
Mehr zu diesem Album im Vinylrausch Musikmagazin, erste Ausgabe!
1999
Rage Against the Machine – The Battle of Los Angeles
Pop, Rock und Psychedelic – der VR #81 ist eine fließende Kombination aus musikalischen Erzählungen, rhythmischer Spannung und britischer Leichtigkeit.
Pop, Rock und Psychedelic – der VR #81 ist eine fließende Kombination aus musikalischen Erzählungen, rhythmischer Spannung und britischer Leichtigkeit.
The Original Soundtrack bietet trockenen englischen Humor in einer theatralischen Mini-Rockoper und einem zuckersüßen Charts-Hit. Eine Entdeckung, beim VR #43 und beim VR #81.
2024
Rosalie Cunningham – To Shoot Another Day
To Shoot Another Day – geniale Popsongs, moderner Prog-Rock und frischer Canterbury-Sound – unser Album des Monats beim VR #81