It’s Happened Before, It’ll Happen Again heißt einer der Songs auf dem Album des Monats von Taste. Das lässt sich auch auf diesen Vinylrausch-Abend übertragen, denn kaum hatten wir mit dem Vinylrausch #79 einen denkwürdigen Abend zum zehnjährigen Jubiläum hinter uns, stand schon der nächste herausfordernde Vinylrausch mit der #80 an.
Die Bar im Sputnik Kino war bis auf den letzten Platz besetzt. Tatsächlich gab es dieses Mal so viele Anmeldungen noch kurz vor der Veranstaltung, dass leider einige Zuhörerinnen an der Seite und an der Theke sitzen mussten.
Wer jetzt meint, das habe nur an den seit ihrem Debüt Dogrel von 2019 hierzulande sehr populären Fontaines D.C. gelegen, könnte sich täuschen, denn unter diesen spontanen Anmeldungen war z. B. auch die eines jungen Vaters, der noch seine zweijährige Tochter nach Hause bringen musste, aber als großer Taste-Fan On The Boards auf keinen Fall verpassen wollte!
Rory Gallaghers verborgene Seiten
Und er hätte etwas verpasst, denn On The Boards ist eine in Vergessenheit geratene Perle – ein erstaunlich vielseitiges Album, auf dem man eine ganze Reihe unbekannter Seiten an dem irischen Ausnahmegitarristen Rory Gallagher entdecken kann.
Der Opener What’s Going On ist ein klassischer (Blues-)Rocktitel. Er wurde 1970 in Deutschland als Single veröffentlicht, stieg bis auf Platz fünf in den Charts und trug sicher viel zu der ungebrochenen Popularität von Gallagher in Deutschland bei.
Die Auskopplung war ohne Wissen des Gitarristen von dem Manager genehmigt worden. Als Gallagher davon erfuhr, war er vehement dagegen. Für ihn funktioniert On The Boards in erster Linie als Album. Das ist natürlich die perfekte Vorlage für den Vinylrausch, denn genau darum geht es hier: das Album als Kunstwerk zu würdigen.
Für einen regelmäßigen Gast war allerdings die Single entscheidend, denn er konnte sich als Schüler das Album nicht leisten. What’s Going On lief bei ihm auf seinem kleinen Koffer-Plattenspieler mit dem Lautsprecher im Deckel. Leider hat aber die Mischung im Stil der Sechzigerjahre die Gitarre auf den rechten oder linken Kanal verbannt. Sie war darum auf dem mittelastigen Plattenspieler kaum zu hören.
Ein Drama, das sich natürlich längst erledigt hatte. Trotzdem war auch für diesen Gast der fantastische Sound der unauffälligen Siebzigerjahre-Pressung auf unserer Vinylrauschanlage erstaunlich.
Wieder einmal: beeindruckender Sound, große Bühne
Wirklich beeindruckend, was der Project Plattenspieler mithilfe des filigran auflösenden Tonabnehmersystems 2M Black LVB 250 von Ortofon aus den Alben herausholt. Es ist ein perfektes Zusammenspiel des Tonabnehmers mit der neutralen Verstärkung über den Yamaha AS2000 und den immer wieder verblüffend voll und klar klingenden Hans Deutsch Boxen aus den Siebzigern. Gerne danken wir an dieser Stelle, wie bei jedem Vinylrausch, der Firma Ortofon, die uns das 2M Black LVB 250 System für die Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat, es macht wirklich einen Unterschied!
Deutlich wurde der fein aufgelöste Klang besonders beim Titelstück, das mit großer Bühne und ungewöhnlicher Instrumentierung eher nach Jazz denn nach Bluesrock klang. Erstaunlich, wie gut die fein aufgelösten Töne der E-Gitarre in den Dialog mit den sauberen Tonfolgen des Altsaxofons traten. Zumal sich Gallagher das Saxofonspielen erst kurz vor den Aufnahmen selbst beigebracht hat!
Harte Liebe: lrlands experimentelle Seite
Das experimentierfreudige Kollektiv The Jimmy Cake kommt, wie Gallagher und Taste, aus Cork. Die Band ist aus einer Noise-Rockband mit dem sprechenden Namen Das (sic) Madman hervorgegangen. Tough Love ist das siebte Album der Band. Es besteht aus einem einzigen Track, der in Part I und Part II aufgeteilt ist. Die Komposition wurde ursprünglich für eine Installation in Dublin im Jahr 2016 entwickelt.
Gedacht war die B-Seite beim Vinylrausch #80 als eine Art Scharnier zwischen zwei textlastigen Alben. Der monotone Minimalismus von Tough Love passt perfekt zum Vinylrausch-Motto Turn off your mind, relax and float downstream: Es ist eine »kosmische Post-Punk Dystopie«, die die Zeit zerdehnt und in die man sich hineinfallen lassen muss.
Der durchgeschlagene Beat scheint endlose Energie zu haben, die darüber kreisenden und wabernden Sounds haben den Raum der Sputnik Bar und die Köpfe der Zuhörerinnen buchstäblich geflutet. Wieder ein Album wie gemacht für diese Art kathartisches Gemeinschaftserlebnis. Mit dem erlösend sanften Prolog kam dann sogar spontaner Beifall auf.
Poesie in Bewegung: Fontaines D.C.
Etwas Düsteres hat auch die Musik von Fountaines D.C. auf ihrem Album Skinty Fia von 2022. Die latent hintergründige Melancholie wird aber durch die verspielten Melodien und den treibenden Gesang gebrochen.
Die Gründungslegende der Band erzählt von einem ersten Treffen, bei dem sich die zukünftigen Bandmitglieder gegenseitig Gedichte vorgelesen haben. Diese Faszination für Sprache und Literatur hört man den fein gestrickten Texten an. Zeilen wie »I forget the thrill of lies, the truth escaping through the eyes« oder »There’s not a thing can’t be fixed with a dream« haben das Zeug, zu klassischen Zitaten zu werden.
Auch auf diesem Album gab es wieder eine erfrischende Vielfalt von musikalischen Stilen. Während das melancholische ’The Couple Across The Way’ traditionelle irische Instrumente einsetzt, wird der folgende Titelsong mit elektronischen Sounds eröffnet. Er baut mit seinem rhythmisch organisierten Gesang einen statischen Sog auf, der auf ’I Love You’, dem Höhepunkt des Album, noch gesteigert wird.
Damit schloss Skinty Fia auf einer anderen Ebene musikalisch tatsächlich an das davor gehörte Album an.
Die Brücke zwischen 1970 und 2022
Es war ein großes Finale für diesen Vinylrausch #80, wieder mit tollem Sound und einer wirklich faszinierenden Platte, von der wir leider nur die erste Seite haben hören können.
Das ist umso bedauerlicher, als es eine direkte Verbindung von dem letzten Song I’ll Remember auf On The Boards (1970) zu dem ersten Song In ár gCroíthe go deo auf Skinty Fia (2022) gab. Deutlich zu hören ist in dem kurzen Clip, dass der Rhythmus, auf dem beide Songs basieren, mühelos 52 Jahre überbrückt:
Vielen Dank an die Besucher vom Vinylausch #80! Beim nächsten Mal werden wir die Einladungen wohl wieder etwas beschränken müssen … .
Ein besonderer Rausch zu einem besonderen Jubiläum: Zehn Jahre danach noch einmal One Size Fits All, eingerahmt von zwei echten Schwergewichten!
1975
Frank Zappa – One Size Fits All
Mit One Size Fits All fing alles an – darum war es unser Album des Monats sowohl beim Vinylrausch #1, als auch 10 Jahre später beim VR #79 …
1976
Hermann Szobel – Szobel
Szobel (1976) war der herausragende Abschluss des VR #79 und passte perfekt sowohl zu Frank Zappa UND Igor Stravinsky. Verblüffend reife Musik!
2023
Igor Stravinsky – Le Sacre du Printemps
Le Sacre du Printemps in einer Aufnahme von Claudio Abbado von 1976 hat uns als Auftakt zum VR #79 gehörige durcheinander gerüttelt. Fantastischer Sound und großartige Musik!
Ein schöner Bogen voller Kontraste vom Dylan der Sechziger über die düsteren Stooges zu der mit Dylan aufgewachsenen PJ Harvey
1965
Bob Dylan – Highway 61 Revisited
Highway 61 Revisited ist eine Ikone der Rockgeschichte. Wir haben den rumpelnden Rock und die vielseitigen Sprachbilder sechzig Jahre nach seinem Erscheinen beim feurigen VR #77 erleben dürfen.
1970
The Stooges – Funhouse
Funhouse war lyrisch und musikalisch die Antithese beim feurigen VR #77: simple, energetisch, monoton, improvisiert – packend!
2000
PJ Harvey – Stories From The City, Stories From The Sea