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Ein Abend voller Kontraste – die große Review zum Vinylrausch #52

Charles Mingus Black Saint Aufnahmedatum

Wieder hat alles nahezu perfekt zueinander gefunden: die Zuhörer zahlreich zum Vinylrausch #52 ins Sputnik-Kino, die Alben in der überraschenden Kombination und der Tag auf dem (fast) perfekten Termin! Denn tatsächlich hat Charles Mingus sein Opus Magnum, das als Ballettsuite angelegte Album ‘The Black Saint and the Sinner Lady’, am 20.01.1963 in New York aufgenommen. Der Vinylrausch #52 lag mit einem Termin am 19.01.2023, und damit am Vorabend des 60. Jahrestages, also genau richtig. Es war ein überaus passender Moment, um eines der ungewöhnlichsten und mitreissendsten Jazzalben überhaupt zu würdigen.

Charles Mingus hat Cello und Komposition studiert und war zum Kontrabass gewechselt, um leichter Jobs zu bekommen, denn in klassischen Orchestern hatten es farbige Musiker damals schwer, eine dauerhafte Anstellung zu finden. Aus dieser erlebten Diskriminierung und aus seinem aufbrausenden, zum Teil gewalttätigen Wesen speist sich die Wut und Energie dieser Musik. ‘The Black Saint and the Sinner Lady’ ist auf der einen Seite der Soundtrack einer sich historisch immer wieder abspielenden Unterdrückungs- und Befreiungsgeschichte. Auf der anderen Seite ist es das musikalische Porträt eines ungewöhnlichen, von Begeisterung, manischer Selbstüberhöhung und immer wieder in Aggression umschlagenden Frustrationen gequälten Menschen.

»Er fühlt intensiv … er kann nicht akzeptieren, dass er allein ist …«

Nachdem Mingus 1962 bei den Proben zu seinem grandios gescheiterten Projekt Epitaph einem Musiker zwei Zähne ausgeschlagen hatte, mußte er sich eineR Psychotherapie unterziehen. Seinen behandelnden Arzt bat er, einen Text für das Album zu verfassen. Darin stellt Dr. Edmund Pollock fest, dass Mingus sich in der Musik zu einem schwarzen Heiligen stilisieren würde, der unter seinen eigenen Sünden und den Sünden der Menschheit leidet.

Charles Mingus Label Black Saint ...The Black Saint and the Sinner Lady’ in der Vinylrausch-Umgebung, also laut und konzentriert im dunklen Raum, hören zu können, war ein echtes Erlebnis. Dem Feedback nach zu urteilen, hat es auch die nicht eben wenigen Zuhörer überzeugt, die vor diesem oft als ‘Free-Jazz’-Album bezeichneten Klassiker eher Respekt hatten. Die kleine Big-Band hat in der Mischung auskomponierten Passagen mit freien Band- und Solo-Improvisationen eine wunderbare Balance gefunden, die in vielen Passagen an dramatische Filmmusik erinnerte – besonders das Taxi Driver Motiv kam einem in den Sinn. Es scheint von hier aus den Weg in Bernard Herrmanns Soundtrack gefunden zu haben.

Die im letzten Jahr herausgekommene Impulse-Pressung wird zu Recht gelobt und hat auch die Vinylrausch-Besucher überzeugt: klar und durchsichtig im Sound, wunderbar ausgewogen und von warmen Bässen getragen – ein selten schönes Erlebnis.

»Wir saßen auf unserem eigenen Stern …«

Auch bei ‘Astral Weeks’ haben wir auf eine hervorragende Nachpressung aus den letzten Jahren zurückgreifen können. Und auch diesem 55 Jahre alten Album war sein Alter nicht anzuhören. Die verblüffend zeitlose Musik lässt sich noch immer nicht festlegen: Es ist Jazz, keltischer Soul, Rock, Folk und Blues. Alles irgendwie gleichzeitig und in der Mischung einmalig.

Cover Van Morrison Astral WeekDas Bindeglied zwischen den beiden Alben war der Gitarrist Jay Berliner, der als New Yorker Studiomusiker für die Aufnahmesession engagiert wurde. Ein weiterer Jazzer, der Bassist Richard Davis, war im Grunde der ›Bandleader‹, denn Van Morrison soll nach verschiedenen Zeugenaussagen mit den Musikern kaum ein Wort gewechselt haben. Er hat seine in Bostons Musikclubs vorher live ausprobierten Songs der Band einmal vorgespielt und soll dann in der Gesangskabine verschwunden sein.

Die Aufnahmen für ‘Astral Weeks’ kann man darum als einen absoluten Glücksfall bezeichnen: Es sind unterschiedliche musikalische Fliehkräfte aufeinander getroffen, die sich nicht abgestossen, sondern in einem furiosen Wirbel ergänzt und gegenseitig inspiriert haben.

Van Morrisons Erinnerungen an die verlorene Jugend in Belfast, an die erste Liebe und beeindruckende Figuren der Stadt durchziehen in einem Stream of Consiousness, einem assoziativen Gedankenstrom, eine Musik voller hingetupfter Ideen, weicher Streicherarrangements und filigraner Gitarrenzupfer. Das ganze basiert auf einem rhythmischen Fundament, das hauptsächlich von Richard Davis‘ Bass getragen wird – für Greil Marcus »der beste Bass, der je auf einem Rock-Album gespielt wurde!«

»Wir werden niemals wieder auf unserer Telefone schauen.«

Diese Zeile wird von Isaac Wood auf ‘Ants from Up There‘ mit zarter Inbrunst zwar, aber entschieden vorgetragen. Auch er spielt in seinen ehrlichen, schonungslos offenen Texte mit den eigenen Erinnerungen. Bilder von erlebtem scheinen sich mit den noch immer präsenten Gefühlen zu den Ereignissen zu vermischen. Das emotionale Auf- und Ab spiegelt sich in der, in großen Wellen sich auftürmenden Musik, die nur schwer zu beschreiben ist.

Auch hier treffen Post-Rock Elemente auf klassische Instrumente und Streicherarrangements. Die mitreissende Collage endet in einem aufbrausenden Crescendo und kehrte damit irgendwie auch zum Anfang des Abends zurück.

Drei Alben, die stilistisch zwischen allen Stühlen klingen und uns trotzdem, oder gerade deshalb, auf eine erlebnisreiche musikalische Reise mitgenommen haben. Ein großer Abend.

Vinylrausch #52
1. Charles Mingus – The Black Saint And The Sinner Lady (1963)
2. Van Morrison – Astral Weeks (1968)
3. Black Country, New Road – Ants from Up There (2022)
4. Ein Abend voller Kontraste – die große Review zum Vinylrausch #52

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