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Vinylrausch #37 – Eine arrangierte Review

Der arrangierte Rausch – kontrolliert verabreicht

Eine gewisse Erleichterung und die Vorfreude darauf, das es endlich weitergeht mit dem Vinylrausch, unserem ›temporären Pop-Up Museum für historische und zeitgenössische Langspielplatten‹, konnte man schon den Anmeldungsmails entnehmen. Entsprechend diszipliniert gestaltete sich der Abend, angefangen von einem ausgeglichenen Verhältnis Anmeldung/Anwesenheit bis hin zum höflichen Abstandhalten und wechselseitigen Auf- und Absetzen der nervigen, aber notwendigen Schutzmasken am Platz bzw. während der Pausen.

Die Musik trug einiges zu dem disziplinierten Verhalten bei, denn bei der doch recht anspruchsvollen Kost war Konzentration angesagt:

If 2 Label B-SeiteBegonnen haben wir natürlich mit unserem 50 Jahre alten Klassiker, dem zweiten Album von If von 1970, britischer Jazz-Rock also. Dieses Ende der sechziger Jahre in der Luft liegende Genre ist besonders durch zwei amerikanische Bands geprägt worden: durch Blood, Sweat & Tears und Chicago, deren wegweisende Alben von ´68 und ´69 wir hier beim Vinylrausch schon gehört haben.

Blood, Sweat & Tears waren damals ein Teil der Populärkultur und haben mit ihrem elektrifizierten Big-Band-Sound nacheinander mehrere Hits in die Pop-Charts katapultieren können – aus heutiger Sicht tatsächlich erstaunlich, das diese Art anspruchsvoller, von scharfen Breaks und Wechseln bestimmte Musik bei einem breiteren Publikum Erfolge feiern konnte.

Das zweite Album von Blood, Sweat & Tears wird in der ersten Ausgabe des Vinylrausch Musikmagazin ausführlich besprochen!


If - 2 Frontcover

Den populären Ansatz, einen straighten Beat und packende, nicht zu komplexe Melodien mit jazzigen Improvisationen zu kombinieren, könnten If von Blood, Sweat & Tears übernommen haben. Auch die hohe Stimme von J.W. Hodkinson erinnert an David Clayton-Thomas – oder auch an Steve Winwood, wie ein Zuhörer nach der Platte bemerkte. Das paßt, denn auch Traffic haben Anfang der Siebziger immer mehr Jazz-Element in ihre langen Live-Improvisationen integriert – was wir beim Vinylrausch #17 auf der Live-Platte On The Road von 1973 hören konnten.

Mit der spannenden Mischung aus eingängigen Melodien, Bläser-Breaks, den elektrisch verzerrten Gitarren-Riffs von Terry Smith und der Freiheit der Improvisationen besonders in den zwei über acht Minuten langen Stücken, waren If ein musikalisches Erlebnis, das den Vergleich mit den zwei großen Bands aus Amerika in jeder Hinsicht standhielt.

Don SebeskyDon Sebesky The Rape of El Moro - Cover Inside war dann nach der Pause ein Beispiel für die zweite Schiene des Jazz-Rock, die sich aus dem Jazz entwickelt hat. Sebesky ist ein Arrangeur und Keyboarder, der 1975 auf The Rape Of El Moro die komplette CTI-Hausband herausgefordert hat – plus einige Jazz-Größen wie die Brecker-Brothers oder den Bassisten Ron Carter.

Ein aus den fünfziger Jahren stammender Big-Band-Sound wird von Sebesky mit fettem Back-Beat, elektrisch verzerrter Gitarre, Orgel oder Violine und langen Bläser-Soli aufgeladen. Diese wilde Mischung funktioniert sowohl bei populären Titeln, wie der ideenreichen Cover-Version des Ragtime-Klassikers ‘The Entertainer’, als auch bei seinen Reminiszenzen an die moderne Klassik in dem von Bela Bartok inspirierten ‘Footprints Of The Giant’. Ein erstaunlich groovendes Ereignis.

Aquaserge - LabelDie aus Frankreich stammenden Aquaserge geistern schon einige Jahre durch die Clubs dieser Stadt, wurden von mir aber erst im letzten Jahr auf dem Storkower Festival entdeckt. Morgens um halb drei entwickelten sie mit unermüdlicher Frische ihre meditativen Dance-Grooves, um sie mit einer endlosen Reihe von entzückenden Soundideen, Störgeräuschen, Breaks und – wieder – verzerrten Gitarren anzureichern. Eine fantastische Mischung aus 70er Jahre Rock, Minimalismus, Jazz-Improvisationen und orientalischen Sounds – natürlich wieder von zwei Bläsern (in diesem Fall: BläserInnen) angetrieben.

Ein schönes Ende und würdiges Finale für einen von Blasinstrumenten, Rock-Beat und verzerrten elektronischen Geräten gewürzten Abend, von dem sich einige erleichtert und andere begeistert verabschiedet haben.

Vinylrausch #37
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