Die Talking Heads sind eine Band, auf die sich viele Musikhörer einigen können – zu Recht, denn ihre Musik ist gleichzeitig tanzbar und komplex, sie ist einfach und trotzdem intelligent, nervös und dabei durchsichtig. Zudem hält David Byrne als Kopf der Heads deren Sound auch in seinen Solo- und Kollaborationsprojekten lebendig.
Entsprechend voll war die Sputnik-Bar bei dem lichten Vinylrausch #41, bei dem wir uns dem Sound der Talking Heads über zwei Alben angenähert haben. Tatsächlich klangen an einigen Stellen von ‘Remain In Light’ Teile aus den Alben von Manu Dibango und Brian Eno durch, als wären sie in einer Mischung übereinandergelegt worden: über dem nervösen, funkbetonten Groove des Afro-Beat lagen an diesen Stellen verzerrte Gitarrenriffs oder spitze Synthesizer-Sounds von Brian Eno.
Ich tanze!
Den Afro-Beat haben wir auf ‘Makossa Man’ entdeckt. Manu Dibango hat 1972 mit ‘Soul Makossa’ einen der ersten Disko-Hits überhaupt geschaffen und dafür einen in Kamerun populären Tanzgroove – Makossa heißt ‘Ich tanze!’ – mit Elementen aus Jazz, Rock und Soul gemischt. Die B-Seite seines 1973 erschienen Albums enthält vier funkbetonte Stücke, die von der doppelt besetzten Rhythmusabteilung der Band ebenso geprägt ist wie von den langen Melodielinien, die Dibango in seinen Saxophonsoli entwickelt.
Baby’s on Fire
Der bekennende Nicht-Musiker Brian Eno hat im selben Jahr mit ‘Here Come the Warm Jets’ sein Debüt nach der Trennung von Roxy Music veröffentlicht. Mit der Hilfe seiner alten Kollegen, allen voran Phil Manzanera, und Gastmusikern wie Robert Fripp hat er rockige, aber musikalisch schon recht statische Flächen mit Synthesizer-Klängen und harten Gitarrenriffs garniert.
Als Produzent von ‘Remain In Light’ hat Eno den Talking Heads Afro-Beat Platten, etwa von Fela Kuti, vorgespielt. Die im Studio entstandenen, rhythmisch komplexen Improvisationen wurden von Eno zerschnitten und geloopt als Hintergrund für David Byrnes charakteristische Stimme und Enos eigenen, hier wie wiederverwendet klingenden Synthesizer-Gimmiks, verwendet. So lebendig das Album klingt, es ist tatsächlich aus einzeln aufgenommenen Layern zusammengesetzt: David Byrnes Gesang wurde unabhängig von der Band aufgenommen und auch die zarten elektronischen Trompetensounds von John Hassell sind nachträglich darüber gelegt worden.
Das ändert natürlich nichts an der Bedeutung dieses komplexen Meisterwerks, dessen rhythmische Energie und ideenreichen Verzierungen uns auch beim Vinylrausch in den Bann geschlagen haben.
Live ohne Eno aber mit Adrian Belew
Es zeugt von der musikalischen Qualität der Talking Heads, dass sie es geschafft haben, den Sound des Albums auch Live umzusetzen. Bei ihrer Tour 1980 hatte Adrian Belew die Aufgabe, die von Eno im Studio eingespielten Synthesizersounds zu erzeugen. Von seinen Jahren in der Zappa-Band geschult, spult er live ein Feuerwerk von Effekten ab, u.a. Wah-Wah-Verzerrungen, Feedbacks und allerlei schräge Malträtierungen seiner Gitarre. Wie die Band den von Eno kreierten Sound mit Hilfe von einem zusätzlichen Percussionisten und Bassisten und der Byrnes Stimme kontrastierenden Soul-Sängerin Dolette McDonald live interpretiert, ist wirklich beeindruckend. Einen Ausschnitt der Live-DVD von dieser Tour gibt es hier bei Youtube.
Eine andere Art der Interpretation wählte 2018 Angélique Kidjo, die das komplette Album ‘Remain In Light’ als West-Afrikanische Musik nachempfunden hat. Auch das ein lohnender Exkurs!
Eine aufregende Mischung: Synthesizerexperimente bei Todd, unsterbliche Songs und Kompositionen bei Frank und tiefe Emotionen bei Pere
1974
Todd Rundgren – Todd
Todd ist ein merkwürdiges Sammelsurium an musikalischen Ideen. Furchtlos, abwechslungsreich und “ein Werk voller Tiefe und Leidenschaft” – gehört beim arktischen VR #67
1974
Frank Zappa – Apostrophe (‘)
Apostrophe (‘) war als Quadradisc-Mix eine musikalische Offenbarung voller kruder Wortschöpfungen und überbordender Spielfreunde beim arktischen VR #67
2023
Pere Ubu – Trouble On Big Beat Street
Trouble On Big Beat Street ist ein emotional bewegendes Alterswerk, das mit komplexer Instrumentierung und jazzigem Sound ernst gemacht hat beim arktischen VR #67
Ein furioses Saisonfinale mit packenden Songs auf allen drei Alben. Satte Grooves, komplexe Storys und eine Handvoll Hits...
1974
Bob Marley – Natty Dread
Natty Dread ist radikal, voller Hoffnung auf Veränderungen, mit betörenden Melodien und durchdringendem Beat – Album des Monats beim rebellischen VR#66
1979
The Clash – London Calling
London Calling eines der wichtigsten Rockalben überhaupt, nicht nur der 80er Jahre. Ein Stilmix von Rockabilly über Gipsy-Jazz, Garagenrock und natürlich Reggae – gehört beim VR#66
2003
Ben Harper – Diamonds On the Inside
Diamonds On the Inside ist ein verwirrender Stilmix, abwechslungsreich, Tanzbar und voller Ohrwürmer. Erster Song: eine Reggae-Hymne. Gehört beim VR#66
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