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Die ehrliche Review – Vinylrausch #26 (Review)

Thema bei diesem ehrlichen Rausch waren Künstler, die ihre Beziehungen und Krisen in ihrem Liedern offen und ehrlich thematisieren. Ausgehend von Joni Mitchells wenig beachtetem Übergangs-Album Court and Spark von 1974 wurde dann die Platte, auf der sie zweimal besungen wird und zwei ihrer ehemaligen Liebhaber mitspielen, zu unserem Album des Monats: das Debütalbum von Crosby, Stills & Nash. Dazu kam dann noch Bob Dylans Planet Waves, weil es 1974 am selben Tag wie Court and Spark erschienen, und weil Dylan auf dieser Platte in seltener Deutlichkeit seine Noch-Ehefrau Sara anhimmelt.

Speak out against the madness – Crosby, Stills and Nash (1969)

Der Wahnsinn hatte den Laurel Canyon Ende der sechziger Jahre zusammen mit der Musik erreicht. Der Boulevard schlängelt sich vom Sunset Strip aus in die Santa-Monica-Berge und war damals für Musiker eine der angesagten Gegenden in L.A. Eric Burdon, die Doors, die Monkeys, Carol King, John Mayall, Frank Zappa und viele, viele andere Musiker haben dort damals günstige Häuser und Wohnungen mieten können – und zusammen mit der Musik wilde Partys, freie Liebe und vor allem aber Drogen in den Canyon gebracht.

Für vier Euro kam die gebundene Originalausgabe in vier Wochen aus Indien…

Wenn leidende Männer in glasklarem, dreistimmigen Harmoniegesang angebetete Frauen vermissen oder das Zerissensein zwischen zwei emotionalen Verlockungen beklagen, dann haben sie schon die Schattenseiten des freien Liebens erfahren. Graham Nash beginnt seine Autobiografie dann auch mit einer archetypischen Szene und beschreibt, wie sich im Sommer 1968 die Tür zu Joni Mitchells kleinem Haus im Laurel Canyon öffnet und zwei Männer am Tisch seiner neuen Liebe sitzen: David Crosby, ihr ehemaliger Liebhaber, und Steven Stills, der sich gerade von seiner Band Buffalo Springfield getrennt hat.

Bevor sie ihre Stimmen zum ersten Mal zu Dritt erklingen lassen geht Nash freudig einen Pakt mit dem Teufel ein und schießt sich mit der Hilfe von ordentlichem Dope auf das Level der Canyon-Bewohner ein: wir haben es also vom ersten Ton an – geübt wurde an dem denkwürdigen Abend You Don’t Have To Cry – auch bei dem Debüt von Crosby, Stills & Nash mit einem erheblich drogeninduzierten Album zu tun.

Drei Stimmen, die sich gegenseitig aufheben

Im Februar 1969 ist es soweit: zur Verblüffung des anwesenden Tonmeisters spielt Steven Stills den Gitarrenpart seines epochalen Judy Blue Eyes gleich am ersten Studiotag in einem Take ein. Die drei hatten fleißig geübt vorher und konnten nach Aussage Crosbys danach das Album aus den Stehgreif komplett durchsingen. Aufgrund dieser Vorbereitung konnten dann im Studio auch gleich die Stimmen in einem Part aufgenommen werden. Sie lagen klanglich tatsächlich so nah beieinander, das in den Unisono-Parts die drei Gesangsspuren leicht verschoben werden mussten, um das Phasing zu vermeiden, ein tontechnisches Phänomen, bei dem sich gleiche Töne in einem Mix gegenseitig auslöschen. 1

Crosby, Stills and Nash, 1969, Cover InnenJudy Blue Eyes ist aus dem Schmerz geboren, Steven Stills verarbeitet darin seine verlorene Liebe zu Judy Collins, die ihn nach kurzer, leidenschaftlicher Affäre verlassen hat und zurück nach England gegangen ist. Collins hatte 1968 mit Both Sides Now von Joni Mitchell einen Hit in den US-Pop Charts und mit diesem Erfolg auch Mitchells Karriere wesentlich vorangebracht. Ihre Verbindung zu Steven Stills ist nie ganz abgerissen und in 2018 haben die beiden dann 50 Jahre später tatsächlich noch ein gemeinsames Album veröffentlicht.

Label Crosby, Stills & Nash, 1969Die besondere Spannung erhält Crosby, Stills & Nash durch die unterschiedlichen Kompositionen von drei Musikern. Steven Stills ist von ihnen sicher der kompletteste Musiker gewesen. Er hat viele Instrumente wie Percussions und Bass selbst als eingespielt und mit seinen tonalen Ideen die Produktion des Album maßgeblich dirigiert. Während die musikalisch weit entwickelten Folksongs die inneren Gefühlswelten der drei Männer, wohl auch von den Drogen angefeuert, nach aussen kehren, bringen besonders die Kompositionen von David Crosby frischen Wind in die Folkmusik: Woodenships ist eine Post-Nukleare Dystopie, deren schnell gebändigte Power-Chords die zugrunde liegenden Country-Klänge mit stabilem Rock beleben. Und in dem einflussreichen und oft gecoverten Long Time Gone thematisiert Crosby zwischen den tatkräftigen Riffs der elektrischen Gitarre ein bald noch einmal (im Song Almost Cut My Hair) auftauchendes Trauma, seine langen Locken betreffend: «Speak out you got to speak out against the madness… If you do you had better cut your hair»

  1. https://www.soundonsound.com/people/crosby-stills-nash-suite-judy-blue-eyes-classic-tracks ↩︎

Everything comes and goes – Joni Mitchells COURT AND SPARK (1974)

«Everything comes and goes pleasure moves on too early, And trouble leaves so slow…»

Wie kaum eine andere Künstlerin macht Joni Mitchell ihr Leben, ihre Lieben, Zweifel, Frustration und Getriebenheit zum Thema ihrer Songs. Immer wieder tauchen vergangene Beziehungen, verpaßte Chancen und verlorene Lieben in ihren Texten auf. Wenn es also jemanden gibt, der ehrlich von sich und seinen Dämonen erzählt, dann ist das Joni Mitchell.

Sie war Zeit ihres Lebens auf der Suche, auch auf der Suche nach neuen Sounds und Themen in ihrer Musik. Für Court and Spark hat sie mit der Fusion-Band L.A. Express des Saxophonisten Toni Scott zusammengearbeitet. Die zweite Seite des Albums beginnt dann auch gleich mit dem groovigen Car On A Hill, das sich von einer straighten, jazzig verzierten Melodie zu weiten Streicherklängen aufschwingt. Erzählt wird von dem irgendwo in der Stadt abhanden gekommenen Liebsten, auf den die Heldin wohl vergeblich warten wird. Der Song tropft langsam aus und die zurückgenommene Frustration schlägt in die nachdenkliche Traurigkeit und die getragenen Streicher von Down To You um: «Love is gone, Written on your spirit this sad song». Die instrumentale Bridge macht in diesem Songs die subtile Begleitung des Piano-Themas durch die sehr diszipliniert spielende Band hörbar.

Und auch in dem folgenden Just Like This Train muss die Heldin der Zeilen ihren Weg aus dem Verlust einer Liebe finden. Raised On Robbery zieht das Tempo dann an, dieser von Robby Robertson auf der Gitarre begleitete Rock-Song war die erste Singel-Auskopplung von der Platte. Zu Joni Mitchells meistverkauften Album wurde Court and Spark aber wohl eher wegen dem popigen Song Help Me von Seite eins, der es bis auf Platz 7 der Charts geschafft hat.

Tröstlich war dann das spritzige und hörbar gut gelaunte Twisted, der letzte Song der Platte. Diese launige Abrechnung mit der Psychoanalyse ist zwar nicht von Joni Mitchell geschrieben worden, hat aber beim Vinylrausch sowohl für einige Lacher, als auch spontanen Applaus gesorgt. Der galt aber natürlich der ganzen Platte, deren musikalischer Abwechslungsreichtum beeindruckte und dessen Texte viele eigene Erfahrungen angesprochen hat.

I hate myself for loving you – Bob Dylans PLANET WAVES

Auf Planet Waves spricht Dylan über die Liebe, und zwar in einer für seine Verhältnisse ungewöhnlich deutlichen Sprache. Das liegt sicher daran, das er die Liebe nicht als ein Phänomen betrachtet, sondern vornehmlich eine individuelle Liebe besingt, seine Liebe zu seiner Noch-Ehefrau Sara.

Die erste Tour seit fast acht Jahren

Wir befinden uns im Jahr 1974, Dylan war die letzten acht Jahre zu Hause und hat die Geburt und das Aufwachsen der gemeinsamen Kinder miterlebt. Seit der legendären Tour 1966, bei dem ihm die lautstarke Ablehnung seines mit Hilfe von The Band nun elektrifizierten Folk-Rocks von bornierten Fans der akustischen Gitarre und linksradikal organisierten und grundsätzlich anti-hedonistisch eingestellten K-Gruppen entgegenschallte, war er auf keiner Tournee mehr gewesen. Nun aber sollte es mit der selben Begleitung wie damals wieder losgehen, und scheinbar war Dylan sehr bemüht, seiner wohl eher skeptischen Ehefrau zu vermitteln, das sie sich keine Sorgen machen müsse.

Die zweite Seite des Albums beginnt mit einer Hymne für seinen Sohn Jakob: «May he stay forever young» – hier im Gegensatz zu der akustischen Variante auf der ersten Plattenseite als Hillbilly-Rock elektrisch aufgeladen. Anders als der ebenfalls beeindruckende Wedding Song, der von Dylan während der nur drei Tage dauernden Studioaufnahmen erst geschrieben wurde, hat er die Idee zu Forever Young schon drei Jahre lang mit sich herumgetragen.

Einer der eindringlichsten Songs von Dylan überhaupt ist Dirge. Der Titel ist der englischsprachige Ausdruck für Klage- oder Trauerlied. Dylans Stimme ist bei den Aufnahmen zu Planet Waves unglaublich rund, voll und ausdrucksstark, was besonders diesem Trauerlied zu einem ungewöhnlich intensiven Sound verhilft. Die Aufnahmen zum Album waren schon beendet, und Dirge auch schon einmal zur akustischen Gitarre aufgenommen worden, als Dylan während des Mischens das Stück plötzlich noch mal auf dem Piano spielen wollte. Er bat Robbie Robertson ihn zu begleiten und nach nur einer Probe wurde die Aufnahme gestartet, die bis heute leider die einzige je gespielte Fassung dieses Songs bleiben sollte. Musikalisch orientiert sich der Song an This Whells on Fire, er wird dominiert von einem innigen Dialog zwischen Dylan’s treibendem Piano und Robertson’s zart gezupfter Gitarre.

«I Hate Myself for loving you..»: Von der ersten Zeile an baut Dylan in großen poetischen Bildern eine beklemmend düstere Atmosphäre auf, deren vielschichtiger Gehalt bis heute zu immer neuen Spekulationen über die Bedeutung des Inhalts anregt. Von den vielen möglichen Interpretationen sei hier die profane, aber irgendwie auch sympathisch Variante erwähnt, nach der Martha, die Freundin seines alten Freundes Louis Kemp, nach dem ersten Anhören von Forever Young im Studio Dylan gefragt haben soll, ob er nun auf seine alten Tage weich geworden sei. Für die These, das Dylan so provoziert wurde, diesen Song mit der Routine der «alten Tage» für düstere, prophetische Verse und verborgene religiöse Motive zu schreiben, spricht zumindest der ursprünglich auf den Tapes vermerkte Titel des Songs: Dirge for Martha. Was auch immer dahinter steckt: Dirge ist ein musikalisches und textliches Meisterwerk, das dicht und intensiv vorgetragen wird und dessen mysteriöse Vielschichtigkeit jedem, der zuhört, einen eigenen Song anzubieten vermag. Für einen einfachen Rocksong eine höchst seltene Eigenschaft.

Dylan pur: Vom Tauerlied zum Hochzeits-Song

PLANET WAVES endet in dem einerseits dramatisch und andererseits mit einer verwirrenden Ambivalenz vorgetragenen Wedding Song. Wieder ein Stück, das Dylan allein bestreitet, nur die beeindruckend volle Stimme, die Gitarre und die Mundharmonika. Nach dem Trauerlied, in dem der Held sich selbst für seine Liebe gehaßt hat, gibt es hier nun das vermeintlich hell leuchtende Gegengift: «I love you more than madness, more than dreams upon the sea, I love you more than life itself, you mean that much to me.» Jeder Vers hat vier Zeilen, jede Zeile wird von einem Akkordwechsel begleitet, das Stück wird im Stil des alten Folk-Barden, Vers für Vers ohne Überleitung oder Bridge vollkommen ironiefrei vorgetragen.

Die Lakonie von Dylans Vortrag und das Wissen um den raschen Entwurf dieses Textes – der Toningenieur Rob Fabroni hat berichtet, das Dylan den Text hinter dem Mischpult auf dem Fussboden liegend geschrieben hat2 – lassen sowohl die Annahme eines impulsiven emotionalen Bedürfnisses zu, als auch die These, das Dylan zum Ausklang dieser, von dem hochdramatischen Trauergesang Dirge dominierten zweiten Albumseite noch einen Gegenentwurf brauchte, der in einem vergleichbar traditionellen Folk-Stil zeigen sollte, das es ihm doch ernst ist mit der Liebe. Wie auch immer: Dylans Texte ernst zunehmen ist eine zutiefst individuelle Erfahrung – und für alle seine Interpretatoren ein niemals endendes analytisches Vergnügen.

Musikalisch ist PLANET WAVES mit dem zurückhaltenden Roots-Rock von The Band, Dylans frischer und voller Stimme und dem weiten Bogen zurück in die Gitarren-Folk Vergangenheit ein im Kanon des Werks von Dylan unterbewertetes Album. Beim Vinylrausch haben wir zwei unterschiedliche Pressungen miteinander vergleichen können: eine Ausgabe aus dem Jahre 1974, erschienen in den USA auf Asylum Records und eine europäische Pressung von ca. 1975, erschienen in England bei Island Records. Nach einhelliger Meinung hatte die Pressung aus England deutlich mehr Punch, war knackiger und durchsichtiger.

  1. https://bob-dylan.org.uk/archives/2340 ↩︎
  2. https://www.prosoundweb.com/topics/studio/re_p_files_the_planet_waves_sessions_recording_bob_dylan_at_the_village_rec/8/ ↩︎

Vinylrausch #26

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