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Vinylrausch XVIII – Review

Ein ambitioniertes Programm hatten wir da beim Vinylrausch XVIII: die größte Rockband der 70er – so kündigt der Musikexpress tatsächlich in seiner aktuellen Februarausgabe ihre große Led Zeppelin-Story an – mit einem der erfolgreichsten Alben überhaupt, und dem vielleicht besten Song der Rockgeschichte noch dazu. Was kann da schief gehen?

Nichts, natürlich, denn die bombastische Blues-Rock-Maschine von Led Zeppelin hat mit ihrem vierten Album auch beim Vinylrausch gezeigt, das sie eine harte Rockband waren, die wußten, wo ihre Wurzeln lagen. Led Zeppelin haben mit ihren langgezogenen Power-Cords und der radikalen Rückbesinnung auf traditionelle Blues-Schemen der Rockwelt einen neuen, harten und lauten Weg aufgezeigt. Und sie haben uns beim konzentrierten Anhören der Platte gezeigt, was den von ihnen erfundenen Hard-Rock im Kern ausmacht: es ist besonders laut gespielter, vielschichtig verzerrter Blues auf einem vertrackt-komplexen rhythmischen Klangbett. Natürlich ist die historische Leistung dieser Band unbestritten, die klangliche Qualität von dem vierten, unbetitelten Led Zeppelin-Album aber mussten wir diskutieren.

Led Zeppelin Untitled – klanglich keine Offenbarung!

Bei uns im Kino ist diese historisch sicherlich bedeutender Platte nämlich gegen Yes und The Yes Album deutlich abgefallen. Während Led Zeppelin (IV) sich mit ihrem sehr kompakt gemischten Sound einer neuen, wirklich begeisternden Erfahrung eher entzog, öffnete sich das Yes-Album zu einem unerwarteten Klangerlebnis. Die beiden im Jahr 1971 produzierten Alben klangen extrem unterschiedlich: Led Zeppelins viertes Album ließ einen deutlich Schwerstarbeit leistenden Bass und ein dominantes, den Sound antreibendes und gleichzeitig regulierendes Schlagzeug hören – blieb aber in den tief ins kompakte Klangbild eingewobenen Gitarrenklängen von Jimmy Page und dem emotional ergreifenden, klanglich aber oft spitzen und erstaunlich dünnen Gesang von Robert Plant hinter unseren Erwartungen zurück.

Bei diesem hochgelobten Album konnte der Vinylrausch also nichts wirklich reißen, die historische Pressung klang im Kino nicht anders, als zu Hause auf dem Plattenteller. Das ist wohl ein grundsätzliches Problem der Led-Zeppelin-Platten, die auch bei anderen Originalpressungen keinen überragenden Sound haben. Darum werden wir bei der nächsten LZ-Platte sicher auf eines der von Robert Plant neu gemasterten Alben zurückgreifen.

Eine wunderbare Version von Stairway To Heaven wurde 2012 zu Ehren von Robert Plant, John-Paul Jones und Jimmy Page im Kennedy-Center gespielt.

Der überraschende Yes-Sound

Ganz anders bei dem weit weniger aufregend erwarteten Album von Yes. Hier gab die große Soundverteilung über die ganze Leinwand und die diesmal gut am Limit eingestellten Lautstärke der ersten Seite von The Yes Album einen ganz neuen, viel schärfer akzentuierten, offenen und durchsichtigen Sound, der die Platte in einem neuen Licht erscheinen ließ. Die Instrumente lösten sich voneinander, klangen individuell scharf getrennt und fanden doch in dem gleichberechtigt offenen Sound dieser Platte alle wieder zueinander.

Schon bei den Moody Blues, deren The Days Of Future Passed ja als die erst Platte des Progressiv Rock gilt, fehlte den abwechselnd aufgenommenen rockigen und symphonischen Passagen ein zwingender Zusammenhalt. Die Fusion von Rock und Klassik war hier zwar erkennbar Programm, wurde aber musikalisch nicht schlüssig vollzogen. Bei der Vorbereitung für diesen Vinylrausch kam ein ähnlicher Verdacht auch bei The Yes Album auf: hier haben drei Masterminds individuell sehr unterschiedliche Musik geschrieben und sie dann, bei Starship Trooper sogar ganz deutlich unter dem Oberbegriff einer Suite, musikalisch zusammengesetzt und aneinander angeglichen.

Was jedoch bei der Recherche noch einzeln tönte und eher auseinanderzudriften schien, kam beim Vinylrausch plötzlich zusammen. Hier aus der Leinwand klang The Yes Album klar, scharf, kühn und zwingend. Der saubere Sound und das konzentrierte Hören im dunklen Raum brachte das Verbindende dieser Musik zu Tage – eine dieser unerwarteten Überraschungen, die aus dem unbedarften Musikhören erst einen richtigen Vinylrausch machen.

Southern-Rock, inspiriert von Miles Davis

Noch einmal zurück zum Blues ging es mit In Memory of Elizabeth Reed von dem immer wieder großartigen Live-Album Live At Fillmore East der Allman Brothers Band. Bei diesem Stück hat irgendetwas überirdisches zugeschlagen, etwas hat diese ja an sich schon «besondere Band« mit zwei Schlagzeugern und zwei Leadgitaristen perfekt getimt zu einem unglaublich dynamischen Climax getrieben. Man meint noch immer den Funken zu spüren, der diesen ungeheuren, genauso wilden wie kontrollierten Energiefluss zwischen den Musikern ausgelöst hat.

Elizabeth Reed ist, wie Stairway to Heaven, eine auf einen Höhepunkt zulaufende Komposition, die von den Allman Brothers live häufig gespielt und für ausgiebige Jams genutzt wurde. In der von uns gehörten Fassung von At Fillmore East findet dieses Stück zu seiner perfekten Form: voller berstender Energie, die ständig in unkontrollierte Improvisationen auszubrechen droht, aber von der ungeheuren Konzentration der Bandmitglieder an diesem Abend auf wunderbare Weise in Schach gehalten wurde. Ohne jeden Hänger, ohne Pause oder sonst irgendeinen Makel, genauso cool wie leidenschaftlich, genauso frei wie perfekt aufeinander abgestimmt groovt die Band effektiv und ohne eine einzige Note zu viel durch diesen von Miles Davis´ Jazz infizierten Southern-Soul-Blues. Ein wahrhaft ergreifendes Meisterwerk – vielleicht an einigen Stellen etwas scharf in den Höhen, aber sonst ohne jeden Tadel und eher nicht von dieser Welt…

Ein würdiges Ende für einen zum Schluss leider wieder etwas hektischen Vinylrausch, der einzig und allein von Nummer XIX getoppt werden könnte. ;-)

Oder ging es euch anders?

Vinylrausch XVIII
Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Tja, was will man sagen: Ich bin sehr dankbar für diesen Abend, nicht nur, dass mir die Musik auf eine Weise nahe gebracht wurde, die einiges in der Gewichtung verändert hat: Das Yes Album hatte ich früher nie so stark eingeschätzt, wie an diesem Abend – nicht nur wegen der Erstpressung und wegen des konzentrierten Hörens, sondern auch wegen Jörgs interessantem Vortrag. Was Goethe für das Sehen festgestellt hat – „Man sieht nur, was man weiß“ – gilt auch für das Hören, so dass die Werkeinführungen für mich stets ein großer Genuss sind. Earopener sozusagen.
    Spannend an diesem Abend waren auch die Unterschiede in der Präsentation: Zum Yes-Album gab es keinerlei Bilder, aber den Text, quasi Musik pur, während es bei Led Zeppelin noch ausgesprochen anschauliche Bezüge zu einem Film gab. Auch hier war der Vortrag sehr erhellend – und absolut meisterhaft war das Gegeneinandersetzen von „Stairway to Heaven“ und Filmsequenzen aus „Almost Famous“. Beeindruckend war auch die Sachkunde vieler Besucher, die den Vortragenden ergänzten. Für mich war das ein grandioser Abend.

    1. Schön, das es dir gefallen hat! Yes haben mich auch verblüfft, das Album war wirklich ein Erlebnis. Mich würde da aber interessieren, was dir besser gefallen hat: Musik pur ohne Bilder oder doch mit Bildern zum Text?

      1. Mit der Antwort habe ich nun bis zum heutigen Vinyrausch gewartet, der bestätigt hat, was ich eigentlich auch vorher schon dachte, mir aber nicht ganz sicher war: Die Bilder sind dermaßen gut ausgesucht, dass sie einen echten Mehrwert bilden. Heute (15. März) zum Beispiel gab es Bilder des jungen John Cale von 1973 (?) und des um ca. 40 Jahre gealterten: Sehr beeindruckend. Die Bildauswahl ist stets stilsicher und von hoher ästhetischer Qualität. Ich halte auch die Anzahl an Bildern für die richtige: Zu viele würden wohl auch vom konzentrierten Musikhören ablenken, aber so ist es sehr schön. Und wenn es einmal nicht reicht, zu den Texten auch noch Bilder herauszusuchen: Kein Problem. Vielen Dank für das Alles, Jörg!

      2. Danke für die Kommentare, dann können wir das in der Richtung weiterentwickeln.
        Und: Gern geschehen! ;-)

        Jetzt sind übrigens auch ein paar Eindrücke vom letzten Vinylrausch XIX im Rauscharchiv zu finden!
        Jörg

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