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Zum 25. Todestag von Frank Zappa – Dokumentarfilm KOSMISCHE BROCKEN im Dezember im Kino – Eine Stadt, ein Kino, eine Vorstellung!

Vinylrausch XXI – Die astrale Review

Der Vinylrausch XXI fand in unserer neuen Spielstätte, dem Sputnik Kino am Südstern statt. Dort sind wir von Andrea und Alexander sehr herzlich aufgenommen worden – und haben uns in der Kinobar sehr wohl gefühlt! Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatten wir auch den Sound im Griff – zum Klang der hängenden Aktivboxen gab es dann aber widerstreitende Meinungen: einige waren sehr zufrieden, andere sahen bzw. hörten noch Entwicklungspotential… Für mich klang der Jazz-Sound von Mingus sehr durchsichtig und kraftvoll, Van Morrisons Astral Weeks war vielleicht keine klangliche Offenbarung, aber völlig in Ordnung und Street Legal ist ja nach einhelliger Meinung schon immer ein schlecht produziertes Album gewesen, da konnte diese Anlage nicht viel daran beschönigen. Wir bleiben am Thema Anlage dran und werden sehen, was wir dort mit dem Team vom Sputnik noch entwicklen können. Auf jeden Fall wird auch der nächste Vinylrausch am 21.06. wieder am Südstern stattfinden!

Atonaler großorchestraler Jazz?!

Nach Joachim E. Behrend hat Charles Mingus seine Bands auf der Basis der von seinem Bass angetriebenen Tempi-Wechseln in kollektiven Improvisationen in Richtung Free Jazz geführt, hin zum «atonalen großorchestralen Jazz». The Black Saint and The Sinner Lady von 1963 klingt aber für aufgeklärte Ohren, die z.B. den Bogen vom frühen Jazz-Rock bis zu den metallenen Prog-Eskapaden unserer Zeit beim Vinylrausch XX unbeschadet überstanden haben, alles andere als atonal. Bei dieser Kompostion von Charles Mingus handelt es sich um eine Ballett-Suite in vier Teilen. Auf einem komplexen, metrisch nur schwer fassbaren rhythmischen Hintergrund beginnt die Suite mit dem Solo Tanz Stop! Look! And Listen, Sinner Jim Whitney! und entwickelt sich dann über die drei Stücke der ersten Seite hin zu einer durchgehenden B-Seite, auf der die herausragenden individuellen Soli von einer dicht und diszipliniert dem Bandleader folgenden kleinen Big-Band aufgefangen werden. Was auch immer man in dieser Musik hören mag – die enervierende Intensität der Großstadt, Mingus Kampf mit seinem aufbrausenden Ego1 oder den Weg schwarzer Sklaven in die Freiheit – diese Platte reißt einen mit ihrem dichten, von virtuosen Blechbläsern dominierten Sound von Anfang an mit. Herausragend sind vor allem die gefühlvollen Alt-Saxophon Soli von Charlie Mariano. Jay Berliner, der uns auf Astral Weeks wiederbegegnet ist, setzt mit seinem komplett von Mingus notierten, flamencoartigen Spiel wichtige Akzente und Mingus überrascht auf dem dritten Stück der A-Seite mit seinem zurückhaltend-komplexen Pianospiel.

Ein besonderer Moment der Musikgeschichte: Astral Weeks

Die Verbindung von The Black Saint zu unserem nächsten Album Astral Weeks ist zunächst mal der hohe Jazz-Anteil, der dem Album von Van Morrison einen ganz besonderen Sound gibt. Man kann Astral Weeks mit Focus auf die nicht überkomplexen Akkorde von Morrisons akustischer Gitarre und seinem intensiven Gesang hören – man kann aber auch den Fokus auf die hervorragende Jazz-Band legen, deren spannungsgeladenes Rhythmusbett den meditativen Gesang immer weiter trägt und deren Solostimmen mit intelligent gesetzten Akzenten für Reibung sorgen. Oder man hört beides zusammen und damit ein Meisterwerk, dessen Faszination eben in diesem Kontrast zwischen zwei Stilen oder musikalischen Ansätzen liegt. Eine zweite und noch augenscheinlichere Verbindung ist Jay Berliner, der Jazzgitarrist spielt auf beiden Alben mit. Tatsächlich sind die Akzente, die Berliner mit seinen kurzen, flamencoartigen Läufen setzt, auf beiden Alben als eigenständige Elemente hörbar, so unterschiedlich die Musik auch sein mag. Berliner war ein versierter Studiomusiker, der für diesen Job von dem Produzenten Lewis Merenstein engagiert worden ist, zusammen u.a. mit dem Bassisten Richard Davis. Er ist dann auch das dritte Bindeglied zu dem Mingus-Album: auch auf Astral Weeks spielt der Bass eine herausragende Rolle. Von dem rhythmischen Fundament geht hier, wie so oft, die eigentliche Spannung aus: die leicht verschleppten Takte zusammen mit den einfühlsamen, aber trotzdem eigenständigen Bassläufen unterstützen und kontrastieren Morrisons intensiven, aber stellenweise auch monotonen Gesang auf kongeniale Weise. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die zeigen, wie gut sie miteinander auskommen können, wenn beide Seiten einander vertrauen und einfach mal machen lassen.

Happy 77. Birthday Bob!

An Bob Dylans 77. Geburtstag haben wir es uns nicht nehmen lassen, eine Platte des Meisters zu hören und dafür das im Jahr 1978 erschienene Album Street Legal ausgesucht. Die Reaktionen, die Dylan 1978 mit seinem neuen, mit Background-Sängerinnen angereicherten Big-Band-Sound provozierte, waren heftig: Dave March hat die Platte im amerikanischen Rolling Stone einen ‹Witz› genannt, Greil Marcus wies das eine Ausgabe später zurück, konterte aber mit der Bemerkung ‹einige Songs sind so schlecht, die müssen total ernst gemeint sein› – und bezeichnete das Album dann als ‹tote Luft›. Für ihn fehlte Dylan hier komplett das musikalische Timing, er vermisste ehrliche Emotionen im Gesang und hörte in den Texten eine nur behauptete Anteilnahme, die nicht einmal ‹einen ausgestopften Hund bewegen› würde. Aus diesen Einschätzungen spricht, irgendwie typisch für Dylan-Fans, die pure Enttäuschung – auch wenn Jan Wenner, damals Chefredakteur des RS, das nicht so stehen lassen wollte und Dylans ‹expressive Stimme› und seine ‹umwerfende Phrasierung› lobt. Einig waren und sind sich aber alle Kritiker, auch wenn die Platte heute im Werkkanon Dylans wesentlich besser bewertet wird, in der Einschätzung der schlechten Produktion der Platte: die dicht geschichteten Layer, die scharfen Chorgesänge und die unsaubere Aufnahme von Dylans Gesang machen den Hörgenuss ganz unabhängig von der Qualität der Songs schwer. Dylan hatte sich mal wieder gehäutet und war kurz vor der christlichen Erleuchtung zum Showman geworden. Und wie immer scherte Dylan sich nicht um die Erwartungen seiner Fans, sondern brach mit großem Orchester und reichlich Backgroundsängerinnen kurz nach Erscheinen der Platte zu einer Welttournee auf, die ihn zum ersten Mal nach Japan und natürlich nach Deutschland bringen sollte. Für die deutschen Fans waren die Konzerte in Dortmund, Berlin und natürlich in Nürnberg die erste Möglichkeit überhaupt, Dylan live erleben zu können. Der Sound von Street Legal ist für mich jedenfalls unmittelbar mit diesem Auftritt auf dem Zeppelinfeld verknüpft. Dort gab einer der ganz großen Helden der Rockgeschichte dem von der Nazi-Vergangenheit verseuchten Bauwerk eine neue Aura. Es sind diese eindrücklichen Erinnerungen, in deren Kontext diese Platte für mich immer noch steht. Und auch wenn einige zu dichte, vielleicht auch uninspirierte Songs auf Street Legal zu finden sind, Stücke wie New Pony, Changing of the Guards oder Senior haben auf jeden Fall auch heute noch Bestand – und haben das beim Vinylrausch XXI beweisen können.
  1. Mingus war ein schwieriger, aufbrausender Charakter. Im Jahr zuvor hatte er einem Saxophonspieler aus seiner Band bei einem Disput die Frontzähne ausgeschlagen, war dafür verurteilt worden und in psychatrischer Behandlung. Sein Psychater schreibt in den Liner-Notes, Mingus sei ein schwarzer Heiliger, der genauso unter seinen Sünden leidet wie unter denen der Menschheit… ↩︎
Vinylrausch XXI

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