Skip to content

Review Vinylrausch #82 – der wütende Rausch

Genug Gründe, um wütend zu sein, haben wir derzeit ja: Kriege sind nicht mehr nur möglich, sie werden auch reihenweise vom Zaun gebrochen, machtgeile Narzissten haben nicht nur in der Politik, sondern auch in vielen einflussreichen Firmen das Sagen, der rechte Backslash verunglimpft engagierte Buchhandlungen, der grundsätzliche Backslash meint mit Strategien von Gestern das Morgen gestalten zu können, Stichwort Verbrenner, Atomkraft etc. 

Damit einhergehend nehmen die Umweltzerstörung und die Klimakrise nicht ab, sondern zu. Letztlich aus dem Grund, weil niemand von uns sich auch nur im Kleinsten beschränken mag, einmal erreichtes für immer zu gelten hat und das von vorn bis hinten unplausible Wachstumsdiktat immer noch das Maß aller Dinge ist … 

Dass unsere aktuellen Probleme seit vielen Jahrzehnten bekannt sind und einfach nicht gelöst werden, war die erschreckende Erkenntnis dieses wütenden, aber auch irgendwie befreienden Abends. 

Antikriegslieder, mit der dunklen Macht im Bunde

Black Sabbath haben sich um 1970 als Nische den Horror-Rock ausgesucht, beeinflusst durch die große Begeisterung für Horrorfilme zu der Zeit. (Die hat übrigens auch Frank Zappa inspiriert, Stichwort Cheepnis …). Entsprechend hieß der erste Song des Albums lange Zeit Walpurgis, das dann zu dem ähnlich klingenden War Pigs umgeschrieben wurde. Auch die ersten Zeilen, in denen Hexen und Ratten beschworen werden, deuten auf diese Vergangenheit des Songs hin. 

War Pigs ist eine flammende Anklage gegen Krieg und Kriegshetzer geworden und sollte auch das gesamte Album benennen, bevor dieser Titel von der erfolgreichen Single Paranoid verdrängt worden ist. Der Texter der Band war Bassist Geezer Butler und es bleibt bis heute erstaunlich, wie offen und schonungslos er in Paranoid über seine Depression berichtet. 

Beim wütenden Vinylrausch #83 hat uns die Aktualität der Songs verwirrt – sie klingen, als hätte es in den über fünfzig vergangenen Jahren keine wirkliche Entwicklung gegeben. Der Sound der LP, ein Remix und Reprint von 2012, war fantastisch: luftig, mit großer Bühne und ausreichend Druck in den Bässen. 

»Das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gehört habe« (Berry Gordy)

Der Motown-Produzent Berry Gordy wird seine erste Reaktion auf die Single Whats Goin On nach dem durchschlagenden Erfolg sicher korrigieren. Marvin Gaye erhält dadurch die Chance, eine der entscheidenden Alben des Soul aufzunehmen – gespeist aus den Erfahrungen seines Bruders als Vietnamheimkehrer.

Eine umfangreiche Analyse und Werkgeschichte zu diesem Album findet sich im Vinylrausch Musikmagazin, erste Ausgabe

Beim Vinylrausch #83 war das vor fünfundfünfzig Jahren erschienene Album ein starker, aber funktionierender Kontrast zu dem getragenen Hardrock von Paranoid. Marvin Gaye berührt auch heute noch mit nachdenklichen Texten und der wunderbar vielschichtigen, lebendig pulsierenden Musik. 

»Wann, wenn nicht heute?« 

Mit The Battle of Los Angeles haben wir dann zum dritten Mal dieselbe Erfahrung gemacht: wieder klangen die Texte verstörend aktuell, siebenundzwanzig Jahre später … Rage Against The Machine eröffneten im Jahr 2000 die Protestveranstaltung gegen den Kongress der Demokraten mit dem Satz: »Brothers and Sisters, our democracy has been hijacked!«. Ein Satz, der in Amerika derzeit wieder zum Leben erweckt wird. 

TBOLA klingt vom ersten Ton an nach Protest und Aufruhr. Zu treibenden Rhythmen und emotionaler Gitarre und natürlich in den wütenden Anklagen von Sänger Zack de la Rocha rechnen die Songs mit dem Krieg als Möglichkeit der Politik, mit militärischer Logik und der Normalisierung von Gewalt in der Gesellschaft ab. 

Das Album wurde mit spontanem Applaus verabschiedet, die treibende Wut war erlösend, auch wenn der Sound der Neunziger mit den beiden vorherigen Platten nicht mithalten konnte. 

Ein sehr unterhaltsamer Abend, der trotz der ernsten Themen von vielen Lachern und erhellenden Gesprächen begleitet wurde. 

Vinylrausch #82
1. Marvin Gaye – Whats Going On (1971)
2. Black Sabbath – Paranoid (1970)
3. Rage Against the Machine – The Battle of Los Angeles (1999)
4. Vinylrausch #82 – Der wütende Rausch 
5. Review Vinylrausch #82 – der wütende Rausch
An den Anfang scrollen
Suche