Die These, dass wir es dieses Mal mit einem runden Rausch zu tun haben, war etwas gewagt. Gerne lasse ich mich während des Vinylrauschs von dem während der Veranstaltung doch immer noch mal anderen Eindruck überraschen. Aber nach einigen Zweifeln an der ursprünglich geplanten Konstellation, schienen diese drei Bands schon während der Vorbereitung perfekt zueinander zu passen.
»Dies ist eine Warnung«: ein zu Unrecht vernachlässigtes Album
Gypsy sind eine amerikanische progressive Folk-Rock Band, deren gleichnamiges Debütalbum vor 55 Jahren erschienen ist. Darauf eine spannende Mischung aus Folk-Rock und Harmoniegesang, dazu Jazz-Rock-Elemente, Sechzigerjahre Popmelodien und in den treibenden Stücken auch immer wieder lateinamerikanische Percussion, die an die frühen Santana erinnern.
In der Diskussion nach dem Album wurde die erste Seite als Song orientierter wahrgenommen. Auf der zweiten Seite sind die Stücke dann länger und die Progressiv-Rock-Elemente wie wechselnde Instrumentierung, Gitarren- oder Orgelsoli sowie lange instrumentale Passagen werden deutlicher. Dazu kommen orchestrale Parts, die in erster Linie von Streichern getragen werden – arrangiert von dem Filmkomponisten und Orchesterleiter Jimmie Haskell.
Für viele war dieses zu Unrecht wenig wahrgenommene Album eine Entdeckung aus den Anfangstagen des Progrock.
Helle Erleuchtung und langsame Schwingungen
Die Erwartungen an Pink Floyd waren so unterschiedlich wie die Kommentare, die zu dem Album zu finden sind. Für die einen zählt es zu den Leuchttürmen des Progressivrock, für andere ist es der kommerziell orientierte Abgesang einer einstmals wegbereitenden Band.
Auf jeden Fall ist Wish You Where Here eine Art Biografie der Probleme des Gründungsmitglieds Syd Barrett, der überraschend als Gast im Studio aufgetaucht ist. Es ist aber auch die Autobiografie einer nach dem Mega-Erfolg von Dark Side of the Moon orientierungslosen Band – und ein kritischer Kommentar zur Entfremdung des Künstlers in der kommerziellen Musikindustrie.
Unter den Zuhörern im Sputnik fanden sich beide Fraktionen, die von vornherein begeisterten Fans und die auf gepflegte Langeweile gefassten Kritiker. Der A-Seite von WYWH ist es dann gelungen, beide Seiten in Ihren Bann zu ziehen: Der Sound dieser von versierten Musikern erzeugten Klangwelt hat niemanden kaltgelassen. Die filigrane Konstruktion, das emotionale Gitarrensolo von David Gilmour und die ständig neu entstehenden melodischen Fragmente sind ein großes Kunstwerk, das vielleicht nur etwas zu gut in unserem musikalischen Gedächtnis verankert ist.
Wilde musikalische Gewässer und überbordende Soundideen
Carpet ist es mit ihrem Album Elysian Pleasure dann gelungen, uns davon zu überzeugen, dass die guten Zeiten vor uns und nicht hinter uns liegen! Die Band hat mit dem Album von 2013 eine ungemein lebendige, faszinierend instrumentierte Version modernen Progrocks geschaffen. Psychedelische Elektrosounds werden mit pulsierenden Beats gemischt, eine sanfte Jazz-Trompete wird in dem tosenden Klanggewässer von ’Man Changing the Atoms’ zu einem wild flatternden Segel und die leicht verfremdet klingende Gesangsstimme bewegt sich sicher durch jede Untiefe: Moment is completing you, when there is nothing else to do …
Erstaunlich, wie souverän dieses Album den Faden Floydscher Klangkonstruktionen aufgegriffen und in ein stürmisches Wechselbad verwandelt hat. Dass die Band neben sanften psychedelischen Nebeln auch aufbrausenden Stoner-Rock und filigrane Jazz-Netze miteinander verbinden kann, hat sie mit einem ihrer in unseren Breiten leider seltenen Auftritten im letzten Jahr in der Neuen Zukunft bewiesen. Eine echte Entdeckung, die von den Vinylrauschgästen im bis auf den letzten Platz gefüllten Sputnik mit andächtiger Begeisterung gewürdigt wurde. Ein auch im Nachhinein ungewöhnlich runder Vinylrausch …
Carpet, live am 21.01.24 in der Neuen Zukunft in Berlin
Ein schöner Bogen voller Kontraste vom Dylan der Sechziger über die düsteren Stooges zu der mit Dylan aufgewachsenen PJ Harvey
1965
Bob Dylan – Highway 61 Revisited
Highway 61 Revisited ist eine Ikone der Rockgeschichte. Wir haben den rumpelnden Rock und die vielseitigen Sprachbilder sechzig Jahre nach seinem Erscheinen beim feurigen VR #77 erleben dürfen.
1970
The Stooges – Funhouse
Funhouse war lyrisch und musikalisch die Antithese beim feurigen VR #77: simple, energetisch, monoton, improvisiert – packend!
2000
PJ Harvey – Stories From The City, Stories From The Sea
Ein wunderbares Jubiläum mit drei herrlich lauten Alben – und einem ungemein unterhaltsamen Gast!
1970
Deep Purple – In Rock
In Rock beginnt mit Speed King, einem der ersten Hard Rock Stücke, und hat uns beim VR #75 mit Child In Time die psychedelischen Wurzeln dieses neuen Genres aufgezeigt.
1972
Birth Control – Hoodoo Man
Hoodoo Man hat beim VR #75 mit fettem Orgelsound, straightem Beat und progressiven Wechseln bestätigt, dass das Album eine der wichtigsten deutschen Platten der Siebziger ist.
2020
The Almost Three – It’s Just Music
It’s Just Music wurde uns beim harten VR #75 vom Bandleader Martin Ettrich persönlich vorgestellt: feinster, gitarrengetriebener Blues-Funkrock mit großartigen Songs!
Weltschmerz bei Ambros, ekstatische Lebensfreude bei Bilderbuch und melancholische Verzweiflung bei Culk.
1975
Wolfgang Ambros – Es lebe der Zentralfriedhof
Es lebe der Zentralfriedhof hat den VR #74 mit einer überraschenden Mischung aus Folk-Rock, orchestralem Pop, Walzerzitaten und melancholisch-lebensfrohen Texten eröffnet.
2015
Bilderbuch – Schick Schock
Schick Schock hat uns beim recht düsteren VR #74 mit einer herzerfrischend lässigen Mischung aus Elektrofunk, Hip-Hop und harten Rockriffs und vielen brillanten musikalischen Ideen überzeugt.
2023
Culk – Generation Maximum
Generation Maximum hat beim VR #74 für Diskussionen gesorgt. Eine schonungslose, ernst und düster scheinende Selbstbetrachtung der Generation Z voller brodelnder Energie.