Um das gleich vorwegzuschicken: Es war ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, Songs In The Key Of Life in einer fast fünfzig Jahre alten Pressung auf unserer Vinylrausch-Anlage hören zu dürfen. Der Sound durchsichtig und dabei warm und voll, die Bässe erstaunlich satt auf den doch eher kleinen Hans Deutsch Boxen und die Höhen gewohnt sauber im Mix, großartig!
Da könnte man sich tatsächlich fragen, warum nach der Erfindung des Vinyls als offensichtlich unzerstörbarem Speicher wunderbarer Musik, überhaupt alternative Medien entwickelt wurden. Einige von ihnen hätte es vielleicht gar nicht gebraucht.
50 Jahre Songs In The Key Of Life – ein Monument der Musikgeschichte
Offen gesagt habe ich das Album, nachdem ich die einzelnen Songs für den Artikel im Vinylrausch Musikmagazin mehrfach gehört hatte, jahrelang ignoriert. Vielleicht war es Übersättigung, vielleicht waren es die Längen, die einige Songs auszeichnen? Ja, auszeichnen – denn in der Listening Session beim Vinylrausch #87 gab es keine Längen, keinen zu soften Moment, keine süßlichen Streicherklänge – es schien alles perfekt ausgewogen, die Arrangements pulsierend, der Sound umwerfend und die Fülle an musikalischen Ideen und Miniaturen beeindruckend.
Mehrfach bestätigt wurde auch von den Gästen die Qualität der Songtexte auf Songs In The Key Of Life, die Wonders Anspruch, möglichst vielen Aspekten des Lebens gerecht zu werden, entsprechen können. Die langsame Entwicklung der Songs, die mantra-hafte Wiederholung einzelner Textzeilen wirkt beim durchgängigen Hören wie eine aus dem Flow geborene Meditation, eine weitsichtige Gospel-Predigt, in der sich immer neue Bedeutungsebenen auch für scheinbar banale Aussagen oder Wünsche erschließen. Dazu kommen die unerschütterlichen Klassiker, die tanzbaren Songs, der Fusion-Ausbruch – eben ein Album »in der Tonart des Lebens«, oder, wie es eine zeitgenössische Kritik auf den Punkt bringt, einfach »heilige Popmusik«.
Bestechende Mischung aus Memphis Soul, Flöten-Soli und Free-Jazz
Eingeleitet wurde der ausgebuchte Abend (trotz starker Konkurrenz mit Konzerten von The Strokes und James Blake am selben Abend in Berlin) von einem anderen Groove-Klassiker: Memphis Underground war 1969 das bestverkaufte Jazzalbum, ist heute aber etwas in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, denn die Mischung aus dem gefühlvollen Memphis-Soul-Groove, den gewohnt fließenden Flötensoli von Herbie Mann und den Jazzrock-Attacken zweier junger New Yorker Gitarristen ist nicht nur zwingend tanz-, sondern auch bestens hörbar.
Selbst das etwas unaufgeregter mäandernde New Orleans als Zwischenspiel zwischen dem Diskohit Memphis Underground und dem acht Minuten langen Isaac Hayes Song Hold On, I’m Comin’ hat beim konzentrierten, kollektiven Hören eine eigene Note bekommen. Aufregend auch das Finale von Hold On, in dem der junge Free-Jazz Gitarrist Sonny Sharrock den tanzbaren Groove in der linken Box mit überraschend brachialem Noise angreift. Herbie Mann und Roy Ayers versuchen in einer konzertierten Aktion, rechts etwas dagegenzuhalten. Aber erst das in der musikalischen Bühne mittig angesiedelte, kraftvolle, aber disziplinierte Spiel des nicht minder jungen Larry Coryell hegt den Ausbruch Sharrocks ein.
Ein mitreißendes Finale, das sich trotz oftmaligen Hörens so filigran erst in der Vinylrausch-Listeningsession offenbart.
Das Album landete übrigens auf Platz 1 der persönlichen Hitliste der Lieblingsalben der 60er von Hunter S. Thompson, Autor von Fear and Loathing In Las Vegas. Die Liste an den Rolling Stone hat er mit dem Kommentar versehen: »Das beste Album, das jemals von irgendwem aufgenommen wurde«
Von Afro-Beat zu Jazz-Fusion: Ghanaische Musiker auf den Spuren von Santana
Nicht vergessen, aber in Kreisen ernsthafter Rockmusikkenner eher mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen wurde und wird die Afro-Beatband Osibisa. Sie schwanken auf der B-Seite des Albums Happy Children zwischen traditionellen afrikanischen Chants (Somaja), karibisch instrumentierten Beschwörungen (Adwoa) und einer afrikanischen Spielart der Mitte der siebziger unvermeidlichen Jazz-Fusion (Bassa-Bassa). Dazu kommt zum Schluss der Hit Fire, der nach Erinnerung eines Gastes in der Disko standesgemäß zwischen Jingo und Soul Sacrifice von Santana gespielt wurde.
Die von traditionell bis Fusion reichende Mischung hat einige Zuhörer überrascht, aber alle mitgerissen. So ging es auch Stevie Wonder, der Anfang der Siebziger bei einem Besuch in London begeistert bei der Band am Schlagzeug mitgespielt hat – und ihnen sogar den ersten Plattenvertrag vermittelt haben soll.
Damit war auch der lebendige Vinylrausch #87 wieder ein beeindruckend runder Abend, mit R&B, Soul, Funk, Disko, Jazz und Fusion-Anklängen.