Beim Vinylrausch #83 sind wir wütend geblieben, zumindest mit der wunderbaren Anohni und ihrem anklagenden und leider noch immer brandaktuellen Album Hoplessness.
Anohni hat einige neue Gesichter in die Sputnik-Bar getrieben. Neben den immer zahlreicher werdenden Vinylrausch-Fans, die keine der Listening-Sessions verpassen wollen, freuen wir uns immer wieder über neue Gäste. Sie haben dieses Mal einiges zu der besonders lebendigen Diskussion nach den Alben beigetragen!
»Make yourself a master, but know you are a slave« Wainwright
Provokant war gleich das erste Album, obwohl Loudon Wainwright III mit seinem Album II ein humorvoller Einstieg in diesen danach doch eher ernsten Rausch sein sollte. Bei Wainwright kommt einiges zusammen: Er hat eine ungewöhnliche Stimme, die in den hohen Tönen gerne mal umschlägt. Sehr eigen, sehr charakteristisch und für manche dann wohl doch etwas zu wild. Für andere Gäste, und da schließe ich mich ein, war der eigenwillige Gesang, der klare Stil mit einfachem Reim-Schema, aber immer wieder ausgesuchten Wortkombinationen und der selbstironische Humor der Zeilen ein erfreulicher Einstieg. Wainwright provoziert durch seine Aufrichtigkeit, er »wringt Wahrheit aus seinen Widersprüchen.«
»Ich bin nicht verliebt, aber offen für Überredungen …« Armatrading
Das Schöne beim Vinylrausch ist die Herausforderung, sich überraschen zu lassen, die eigenen Vorlieben in Frage zu stellen und sich auch mal unbekannter Musik zu stellen. Das kann natürlich zu positiven wie auch negativen Überraschungen führen.
Dass allerdings die in Deutschland überaus populäre Joan Armatrading zu Diskussionen führen würde, hätte ich nicht erwartet. Zu einhellig sind die Stimmen, die dieses Album loben: für die Ambivalenz zwischen kühler Selbstanalyse und emotionaler Verletzlichkeit in Texten und Gesang. Für die Musik, die sensibel arrangiert ist und Elemente von Blues, Jazz, Funk und Soul auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet. So haben es auch die meisten Zuhörerinnen in der Sputnik-Bar erlebt: eine wunderbar dichte Musik, einfallsreiche Melodien, die sicher und mit tollem Sound den wandelbaren Gesang von Joan Armatrading tragen.
Allerdings gab es zwei Stimmen in der gemeinsamen Nachbetrachtung, die die Texte als ’banal’ und die Musik als zu simple empfanden. Die Mehrheit hat diese Eindrücke etwas ratlos zur Kenntnis genommen – über Musik lässt sich nicht streiten, jeder erlebt sie anders und ganz für sich …
»It feels good to tell the truth« Anohni
Genauso wenig erwartet hätte ich, dass Anohni von den Zuhörerinnen so einhellig begeistert aufgenommen wurde. Hoplessness ist ein wichtiges Album, der britische Guardian nannte es in einer Kritik »eines der berührendsten Protestalben der letzten Jahrzente«. Anohni spricht mit brutal offener, wütender und und mitunter sarkastischer Emphatie Dinge an, die Menschen Menschen und Menschen dem Planeten antun. Auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung haben diese Songs nichts von ihrer Aktualität verloren, im Gegenteil!
Der Song Drone Bomb Me ist aktueller den je, Anohni begibt sich dabei in die Perspektive eines von einer Drone bedrohten und dem Tode geweihten Menschen. Das ist erschütternd und lässt, wie auch 4 Degrees, in dem die Konsequenzen des Klimawandels drastisch beschrieben werden, keine Fragen offen.
Warum gibt es nicht mehr solche Stimmen? Warum schreibt sonst niemand so hellsichtige Stücke über den Überwachungsstaat wie ’Watch Me’ oder so entlarvende Songs über eine amerikanische Besessenheit wie ’Execution‘ (»… it’s an american Dream«)?
Die Bedeutung dieses Albums, das für einige Besucher eine Entdeckung war, lag beim Vinylrausch in der Luft – einziger Kritikpunkt war die Lautstärke: sie hätte für zwei Zuhörer noch lauter, brutaler, direkter sein können.
Ein bewegender und in den Nachgesprächen wieder sehr lebendiger Abend, der uns in Erinnerung bleiben wird.
Wie wichtig diese Songs für Anohni noch immer sind, zeigt ein intensives und unbedingt lohnenswertes Tiny Desk Konzert aus dem letzten Jahr, bei dem sie zwei der drei Songs von diesem Album singt und mit dem Satz einleitet »It feels good to tell the truth« – unbedingt anschauen!
Ein wütender Rausch angesichts der vertrackten Lage in dieser Welt – und dessen, was Menschen Menschen immer wieder antun.
1970
Black Sabbath – Paranoid
Paranoid hat Heavy Metal begründet und Position gegen den Krieg bezogen, beim schwarzen VR #44 und beim wütenden VR #82
1971
Marvin Gaye – What´s Going On
What´s Going On ist mit dem großen Motown -Soul -Orchester beim Vinylrausch IV dabei gewesen – und mit seinen Klagen über Krieg und Umweltzerstörung beim wütenden VR #82
Mehr zu diesem Album im Vinylrausch Musikmagazin, erste Ausgabe!
1999
Rage Against the Machine – The Battle of Los Angeles
Pop, Rock und Psychedelic – der VR #81 ist eine fließende Kombination aus musikalischen Erzählungen, rhythmischer Spannung und britischer Leichtigkeit.
Pop, Rock und Psychedelic – der VR #81 ist eine fließende Kombination aus musikalischen Erzählungen, rhythmischer Spannung und britischer Leichtigkeit.
The Original Soundtrack bietet trockenen englischen Humor in einer theatralischen Mini-Rockoper und einem zuckersüßen Charts-Hit. Eine Entdeckung, beim VR #43 und beim VR #81.
2024
Rosalie Cunningham – To Shoot Another Day
To Shoot Another Day – geniale Popsongs, moderner Prog-Rock und frischer Canterbury-Sound – unser Album des Monats beim VR #81
Eine verblüffende Verbindung über 52 Jahre Musikgeschichte und eine "kosmische Post-Punk Dystopie" als reinigendes Gemeinschaftserlebnis.
1970
Taste – On The Boards
On The Boards ist in seiner Bandbreite und für Rory Gallagher ein ungewöhnliches Album: akustischer Folk, schwebender Jazz und tiefer Blues beim VR #80
2017
The Jimmy Cake – Tough Love
Tough Love war beim VR #80 eine im wahrsten Sinne berauschende Erfahrung – ein sich auftürmendes Klanggebirge mit großem Sound!
2022
Fontaines D.C. – Skinty Fia
Skinty Fia hat uns mit seinen wunderbaren Songs, den feingestrickten Texten und dem dringlichen Gesang beim VR #80 fasziniert.