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Review Vinylrausch #83 – der persönliche Rausch

Beim Vinylrausch #83 sind wir wütend geblieben, zumindest mit der wunderbaren Anohni und ihrem anklagenden und leider noch immer brandaktuellen Album Hoplessness

Anohni hat einige neue Gesichter in die Sputnik-Bar getrieben. Neben den immer zahlreicher werdenden Vinylrausch-Fans, die keine der Listening-Sessions verpassen wollen, freuen wir uns immer wieder über neue Gäste. Sie haben dieses Mal einiges zu der besonders lebendigen Diskussion nach den Alben beigetragen! 

»Make yourself a master, but know you are a slave« Wainwright

Provokant war gleich das erste Album, obwohl Loudon Wainwright III mit seinem Album II ein humorvoller Einstieg in diesen danach doch eher ernsten Rausch sein sollte. Bei Wainwright kommt einiges zusammen: Er hat eine ungewöhnliche Stimme, die in den hohen Tönen gerne mal umschlägt. Sehr eigen, sehr charakteristisch und für manche dann wohl doch etwas zu wild. Für andere Gäste, und da schließe ich mich ein, war der eigenwillige Gesang, der klare Stil mit einfachem Reim-Schema, aber immer wieder ausgesuchten Wortkombinationen und der selbstironische Humor der Zeilen ein erfreulicher Einstieg. Wainwright provoziert durch seine Aufrichtigkeit, er »wringt Wahrheit aus seinen Widersprüchen.«

Loudon Wainwright ist immer noch aktiv, wie man hier in einem Auftritt bei der britischen BBC sehen kann, und feiert im September seinen 80. Geburtstag mit einem Konzert in New York

»Ich bin nicht verliebt, aber offen für Überredungen …« Armatrading

Das Schöne beim Vinylrausch ist die Herausforderung, sich überraschen zu lassen, die eigenen Vorlieben in Frage zu stellen und sich auch mal unbekannter Musik zu stellen. Das kann natürlich zu positiven wie auch negativen Überraschungen führen. 

Dass allerdings die in Deutschland überaus populäre Joan Armatrading zu Diskussionen führen würde, hätte ich nicht erwartet. Zu einhellig sind die Stimmen, die dieses Album loben: für die Ambivalenz zwischen kühler Selbstanalyse und emotionaler Verletzlichkeit in Texten und Gesang. Für die Musik, die sensibel arrangiert ist und Elemente von Blues, Jazz, Funk und Soul auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet. So haben es auch die meisten Zuhörerinnen in der Sputnik-Bar erlebt: eine wunderbar dichte Musik, einfallsreiche Melodien, die sicher und mit tollem Sound den wandelbaren Gesang von Joan Armatrading tragen. 

Allerdings gab es zwei Stimmen in der gemeinsamen Nachbetrachtung, die die Texte als ’banal’ und die Musik als zu simple empfanden. Die Mehrheit hat diese Eindrücke etwas ratlos zur Kenntnis genommen – über Musik lässt sich nicht streiten, jeder erlebt sie anders und ganz für sich …

»It feels good to tell the truth« Anohni

Genauso wenig erwartet hätte ich, dass Anohni von den Zuhörerinnen so einhellig begeistert aufgenommen wurde. Hoplessness ist ein wichtiges Album, der britische Guardian nannte es in einer Kritik »eines der berührendsten Protestalben der letzten Jahrzente«. Anohni spricht mit brutal offener, wütender und und mitunter sarkastischer Emphatie Dinge an, die Menschen Menschen und Menschen dem Planeten antun. Auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung haben diese Songs nichts von ihrer Aktualität verloren, im Gegenteil! 

Der Song Drone Bomb Me ist aktueller den je, Anohni begibt sich dabei in die Perspektive eines von einer Drone bedrohten und dem Tode geweihten Menschen. Das ist erschütternd und lässt, wie auch 4 Degrees, in dem die Konsequenzen des Klimawandels drastisch beschrieben werden, keine Fragen offen. 

Warum gibt es nicht mehr solche Stimmen? Warum schreibt sonst niemand so hellsichtige Stücke über den Überwachungsstaat wie ’Watch Me’ oder so entlarvende Songs über eine amerikanische Besessenheit wie ’Execution‘ (»… it’s an american Dream«)?

Die Bedeutung dieses Albums, das für einige Besucher eine Entdeckung war, lag beim Vinylrausch in der Luft – einziger Kritikpunkt war die Lautstärke: sie hätte für zwei Zuhörer noch lauter, brutaler, direkter sein können. 

Ein bewegender und in den Nachgesprächen wieder sehr lebendiger Abend, der uns in Erinnerung bleiben wird. 

Wie wichtig diese Songs für Anohni noch immer sind, zeigt ein intensives und unbedingt lohnenswertes Tiny Desk Konzert aus dem letzten Jahr, bei dem sie zwei der drei Songs von diesem Album singt und mit dem Satz einleitet »It feels good to tell the truth« – unbedingt anschauen!
Vinylrausch #83
1. Anohni – Hopelessness (2016)
2. Joan Armatrading – Joan Armatrading (1976)
3. Loudon Wainwright III – Album II (1971)
4. Der persönliche Vinylrausch #83 – Ankündigung
5. Review Vinylrausch #83 – der persönliche Rausch
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