Tatsächlich markiert der Vinylrausch #79 im Dezember 2025 ein besonderes Jubiläum: Genau zehn Jahre nach der ersten Ausgabe kam die mittlerweile stark gewachsene Community zusammen, um diesen Meilenstein mit viel Applaus und dem einen oder anderen Weihnachtsgebäck zu feiern. Darunter einige der ersten Mithörer, die dem Vinylrausch bis heute die Treue halten, besten Dank dafür!
Wir hätten bei zehn Veranstaltungen im Jahr im Grunde schon bei der Nummer 100 sein können, das aber haben Corona und zwischenzeitliche die Suche nach einer neuen Heimat verhindert.
Le Sacre du Printemps – Dynamisches Hörerlebnis
Den Abend in der Kinobar im Sputnik eröffnete Igor Stravinskys Le Sacre du Printemps in einer Einspielung des London Symphony Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado. Die Erwartungen an diese besondere Pressung waren hoch: Die The Original Source-Serie der Deutschen Grammophon verspricht Pressmaster, die direkt vom analogen Vierspurband von 1976 erstellt wurden – ganz ohne digitale Zwischenschritte.
Die technischen Feinheiten der Pressung erläuterte Vinylexperte Frank Wonneberg, der bereits vor zehn Jahren als Zappa-Kenner zu Gast war und damals "One Size Fits All" zum 40. Jubiläum vorstellte. Wir haben uns sehr gefreut, dass Frank uns auf seine unnachahmliche Art mit allerlei Hintergrundinfos zu den beiden Alben versorgt hat!
Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Stravinskys aufbrausende Musik, die von wilden Akzentverschiebungen, vertrackter Rhythmik und komplexen, oft polytonal angelegten Harmonien geprägt ist, entfaltete eine ungewöhnlich große Klangbühne! Der Sound war glasklar, transparent und in seiner weit ausholenden Dynamik mitreißend. Das hat keine Zuhörerin kaltgelassen, im Gegenteil: Nach dem Album war in der gespenstischen Stille nichts als erleichtertes Ausatmen zu hören …
Dass diese Musik selbst in einer Monopressung aus den Fünfzigerjahren (darauf hat Frank Wonneberg hingewiesen!) den jungen Zappa beeindruckt haben muss, schien nach diesem Hörerlebnis kein Wunder zu sein. Zappa wird von Stravinsky die Freude an wilden musikalischen Wechseln, an übereinanderliegenden, gegenläufigen Rhythmen und den leicht verschobenen Mehrklängen übernommen haben.
One Size Fits All – Eine große Note
Einiges davon haben wir auf dem gerade fünfzig Jahre alte gewordenen Album One Size Fits All (1975) hören können. Diese Platte von Frank Zappa & The Mothers lag beim ersten Vinylrausch bereits auf dem Plattenteller und wird inhaltlich hier und in der ersten Ausgabe des Vinylrausch Musikmagazin ausführlich besprochen.
»Ein rotes Sofa schwebt auf dem Cover des Albums: mitten im Weltall, ohne den im Text geforderten Fußbodenbelag unter den Holzkufen, wird es von Gott selbst betrachtet und mit einer kleinen Sprechblase, auf Deutsch, gefragt: »Divan, Divan… weißt du, wer ich bin«.
Das ganze Cover ist aus der Perspektive Gottes gezeichnet, dessen Hand eine brennende Zigarre hält und die unten rechts ins Bild hineinragt.
Links oben ist in der Art eines mittelalterlichen Kupferstiches ein ‹musikalische› Weltall abgebildet, das um das Loch in einem Plattenlabel kreist und eine Erde, die als ›Terra del Fuego‹ bis zum Outer Space von den Spären Mono, Stereo und Quadrophonic umgeben ist – ein Kosmos aus scheinbar widersprüchlichen, chaotischen Tönen, streng geordnet in den Rillen, die das Plattenzentrum umgeben und mit einem lachenden Herrgott in der Mitte, der uns seine Perspektive einnehmen lässt.«
Wir haben die A-Seite von einer Anfang 1976 erworbenen deutschen Originalpressung und die B-Seite von der 2015 erschienen, neu von Bernie Grundman gemasterten Fassung gehört. Die neue Abmischung mag marginal großräumiger geklungen haben – wirklich faszinierend aber war, wie gut auch eine vor fünfzig Jahren erworbene, zigfach aufgelegte Vinylplatte auf der Vinylrausch-Anlage klingt. Das ist sicher in erster Linie dem besonders gefertigten und geschliffenen 2M Black LVB 250 Tonabnehmer geschuldet, das uns Ortofon dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat!
Szobel – Überraschender Schlusspunkt
Nach zwei komplexen Alben, die wir beide komplett gehört haben, hätte die ungewöhnliche Musik von Hermann Szobel auf seinem Debüt und einzigem Album Szobel (1976) leicht zu viel sein können. Doch die besondere Mischung aus melodiösem Jazz, offensichtlich von Keith Jarrett beeinflusst, und komplexem, von Zappa inspiriertem Jazz-Rock, schlug einen für alle Zuhörerinnen verblüffend schlüssigen Bogen.
Die musikalischen Zäsuren und aufbrausende, fast schon orchestrale Passagen erinnerten tatsächlich an Stravinsky und sein Le Sacre du Printemps!
Damit war der Vinylrausch #79 ein wirklich gelungener Auftakt zum zehnten Jahr der Reihe, das mit dem einen oder anderen besonderen Ereignis in diesem Jahr begangen werden wird.
Ein schöner Bogen voller Kontraste vom Dylan der Sechziger über die düsteren Stooges zu der mit Dylan aufgewachsenen PJ Harvey
1965
Bob Dylan – Highway 61 Revisited
Highway 61 Revisited ist eine Ikone der Rockgeschichte. Wir haben den rumpelnden Rock und die vielseitigen Sprachbilder sechzig Jahre nach seinem Erscheinen beim feurigen VR #77 erleben dürfen.
1970
The Stooges – Funhouse
Funhouse war lyrisch und musikalisch die Antithese beim feurigen VR #77: simple, energetisch, monoton, improvisiert – packend!
2000
PJ Harvey – Stories From The City, Stories From The Sea
Ein wunderbares Jubiläum mit drei herrlich lauten Alben – und einem ungemein unterhaltsamen Gast!
1970
Deep Purple – In Rock
In Rock beginnt mit Speed King, einem der ersten Hard Rock Stücke, und hat uns beim VR #75 mit Child In Time die psychedelischen Wurzeln dieses neuen Genres aufgezeigt.
1972
Birth Control – Hoodoo Man
Hoodoo Man hat beim VR #75 mit fettem Orgelsound, straightem Beat und progressiven Wechseln bestätigt, dass das Album eine der wichtigsten deutschen Platten der Siebziger ist.
2020
The Almost Three – It’s Just Music
It’s Just Music wurde uns beim harten VR #75 vom Bandleader Martin Ettrich persönlich vorgestellt: feinster, gitarrengetriebener Blues-Funkrock mit großartigen Songs!