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Der Art-Pop Rausch (Review)

Back-Cover von Steely Dan LP Countdown to EcstasyDas ist mir lange nicht mehr passiert, das sich ein Song über so viele Tage in meinem Kopf festgesetzt hat, Steely Dan haben es auf unserem Vinylrausch XIX mit The Boston Rag geschafft. Ein wunderbarer Song auf einer tollen Platte, die mit abwechselnden Stimmungen und einem dichtem Klanggewebe aus jazzigen, funkigen und rockigen Sounds punkten konnte. Während das erste Stück, das auf einem bluesigem Muster beruhende Bodhisattva mir erst nach mehrmaligem Hören seine vertrackte Rhythmik offenbaren konnte, hat mich The Boston Rag gleich gepackt: auf einem einfachen Rhythmus erzeugt Donald Fagans ornamentale Stimme die ersten Spannungen, die sich dann in einem dichten, von elektrischer Gitarre dominierten Refrain mit herrlichem Satzgesang entladen. Jeff Baxters Solo in der Bridge ist genauso cool wie energetisch, es wächst langsam aus einer intelligent gesetzten, von wenigen Schlagzeugschlägen markierten Pause heraus und das einzige, was man ihm vorwerfen könnte ist seine Kürze. Aber diese Effektivität der Mittel, diese intelligente Schichtung verschiedener musikalischer Stile ist es gerade, was Countdown To Ecstasy zum beeindruckendsten Album von Steely Dan macht. Und das wurde uns mit einem warmen und durchsichtigen Sound beim Vinylrausch XIX ebenfalls sehr beeindruckend offenbart.

Texte als melodisches Beiwerk

Auch die Texte haben sich uns offenbart, aber sie sind damit nicht verständlicher geworden – und das hat nicht an mangelnden Fremdsprachenkenntnissen gelegen: auch Nativ Speaker können mit den dadaesken Wortkaskaden der beiden ausgebildeten Jazz-Musiker nicht viel anfangen, sie bleiben ornamentales Beiwerk, das gut klingen soll, aber nichts bedeuten muss. Ein ähnlicher Verdacht kam auch bei John Cales Paris 1919 auf, dessen Texte zwar nicht ganz so offensichtlich als melodisches Element daherkamen, deren Sinn aber auch nicht in den Worten zu liegen scheint. Auch bei Cale haben wir es ja mit einem studierten Musiker aus dem klassischen Fach zu tun, dessen Focus offensichtlich auf dem ganzen Song lag, dem der Text und damit auch der Gesang als ein Element unter vielen untergeordnet ist. Klanglich war es auch bei diesem Album des Monats ein ähnliches Erlebnis wie schon im Februar: die Platte klang irgendwie zu komprimiert, zu dicht gepackt und – spätestens dann im Vergleich zu den beiden folgenden Platten von Little Feat und Steely Dan – sogar etwas muffig.

Für jeden einen eigenen Rausch

Musikalisch gab es zu Paris 1919 geteilte Meinungen: einige waren von dem symphonischen Sound und der intelligenten Mischung mit rockigen und bluesigen Grundmustern sehr angetan, für sie war das die bessere Musik dieses Abends. Die Mehrzahl der Anwesenden aber hat nach meiner Einschätzung dieses hochgelobte Album doch eher unberührt gelassen: es hatte schöne Momente, war vielseitig und energetisch – aber man muss John Cales Stimme und den großen Streichersound klassischer Orchester mögen, um dem Album mehr als handwerkliche Anerkennung abringen zu können. Den rockigen Groove von Paris 1919 haben Lowell George und Richie Hayward von Little Feat geprägt. Sie mussten damals noch als Studiomusiker arbeiten, weil sich die ersten beiden Alben von Little Feat nur sehr mässig verkauft haben. Völlig zu Unrecht, wie wir bei unserer Rauschkontrolle feststellen mussten. Dixie Chicken hat sich auf der großen Anlage mit einem großen, offenen und warmen Sound präsentiert. Lowell Georges ungewöhnliche Phrasierung mit dem unerwarteten langziehen einzelner Silben  gibt der Platte viel Persönlichkeit und trotz der dichten Schichtung von Rhythmusinstrumenten, mehrstimmigem Gesang und bluesigen oder funkigen Gitarren klang die Platte sehr einheitlich und rund – so wie das sein sollte.

Swamp Rock voller Geschichten

Wir haben eine schön abwechslungsreiche erste Seite gehört, auf der Lowell George gerade im dramaturgischen Aufbau und der intelligenten, häufig auch vom Piano oder seiner zurückhaltenden Slide-Gitarre angetriebenen Rhythmik zeigen konnte, was er in seiner Zeit bei Frank Zappa im Studio gelernt hatte. Von diesem warmen und groovigen Swamp-Rock waren viele Zuhörer überrascht – sie wurden mit Texten belohnt, die sensibel und spannend Geschichten zwischen Mann, Frau und Gitarre erzählt haben. Und wenn auch bis heute nicht geklärt ist, ob Lowell George tatsächlich bei den Mothers rausgeflogen ist, weil er Drogen genommen hat – für uns war es mal wieder ein großer Rausch, der ohne Nebenwirkungen genossen werden konnte.
Vinylrausch XIX

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