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Beschreiblich weiblich – Review Vinylrausch #24

Es fällt einem tatsächlich so schnell keine andere deutschsprachige Platte ein, die den Spagat zwischen anspruchsvoller und abwechslungsreicher Rockmusik und eingängigen, radiotauglichen Popsongs so virtuos gemeistert hat wie dieses Album von 1978, das keinen eigenen Titel hat, sondern schlicht NINA HAGEN BAND heißt. Es mag sich nicht so gut verkauft haben wie die späteren Alben von Spliff, der Band, die bald ohne Nina weitermachen sollte, aber mit seinen ebenso eingängigen wie herausfordernden Texten und dem virtuos gespielten musikalischen Stilmix hat sich diese bedeutende Platte im kollektiven Gedächtnis einer Generation von deutschsprachigen Rockfans unwiderruflich festgesetzt.

Nina Hagan Band 1978 - PlattencoverDas 40jährige Jubiläum hat NINA HAGEN BAND zum Album des Monats beim Vinylrausch #24 gemacht. Damit war das Thema gefunden: für den «unbeschreiblich weiblichen» Rausch ging der Blick einmal zurück auf eine andere weibliche Ikone der deutschen Rockmusik und dann nach vorn auf eine beindruckend freie Kapellmeisterin, die 2016 ein modernes Meisterstück vorgelegt hat.

Intro: FRUMPY – 2

Der harte, laut gespielte Blues-Rock war Ende der 60er gerade erst entstanden – da traten 1970 in Deutschland Frumpy auf. Markenzeichen war die unverwechselbare, immer ein wenig heiser klingende Altstimme von Inga Rumpf. Die Emphase und Intensität des Gesangs war für deutsche Sängerinnen – und Sänger! – tatsächlich ungewöhnlich und erinnerte eher an schwarze amerikanische Sängerinnen, als an einen deutschen Schlagerstar.

Frumpy 2 - 1970 - PlattencoverMit FRUMPY 2 ist 1970 ihr wichtigstes Studioalbum erschienen, dessen zweite Seite die stärkere ist. Das zweite, über 16 Minuten langen Stück Duty greift thematisch das Trauma einer Nachkriegsfamilie auf, deren Sohn als Fahnenflüchtiger zu den Eltern geflohen ist und von diesen aus falsch verstandenem Pflichtgefühl verraten wird.

Selten: ein inhaltlich überzeugendes symphonisches Zitat

Jean-Jacques Kravetz an der Orgel und Rainer Baumann an der Gitarre nutzen in Duty den stetigen Bass-Groove von Karl-Heinz Schott zu abwechselnden Improvisationen über einer herrlich verzerrten Akkord-Folge. Die Improvisation mündet dann in einem diszipliniert geplanten Rückgriff auf die Klassische- oder Kunstmusik im Stil von The Nice und Keith Emerson: zitiert wird eine der bekanntesten Fugen von Bach, die Toccata und Fuge d-Moll, und zwar einmal ordentlich durchgespielt und dann kontrapunktisch kommentiert von Bass und Gitarre. Inhaltlich macht das Sinn, weil es das Thema des Stückes, nämlich die falsch verstandene, blind ausgeführte Pflichterfüllung, als einen deutschen Wesenszug, der in die Katastrophe der beiden Weltkriege geführt hat, mit den kulturellen Errungenschaften kontrastiert, die eben nur aus dem spontanen Ausbruch und dem Mut zur Veränderung entstehen können. Damit wird dieses Zitat zu einem der wenigen gelungenen, weil thematisch begründeten Beispiele für den Rückgriff auf die Welt der klassischen Musik! Ein schönes Beispiel, denn häufig sind Zitate klassischer Komponisten in der Rockmusik reiner Selbstzweck und werden als beliebiges Ornament benutzt, das sich weder aus dem musikalischen noch dem inhaltlichen Thema der Musik erschließt.

Im Rückblick auf den Vinylrausch #23 war es wirklich erstaunlich, wie nah diese ausufernden Improvisationen des Mittelteils von Duty dem ähnlich aufgebauten Jam von MAQUINA kommen, den wir beim letzten Rausch gehört hatten. Rene hatte ja gleich nach der Platte auf die Krautrock-Elemente hingewiesen, die er bei Maquina gehört hat. Leider sind die Frumpy-Pressungen nicht sehr viel besser als die spanischen Vinylerzeugnisse Anfang der 70er Jahre: auch bei dieser Originalpressung von 1970 klang der Sound sehr komprimiert und zu begrenzt für diese mitreissende Musik.

Album des Monats: NINA HAGEN BAND

Erstaunlich viele Klassiker der Rockgeschichte werden schon von zeitgenössischen Kritikern als etwas besonderes erkannt. So ging es 1978 auch dem Album NINA HAGEN BAND, das für viele Ohren eine echte musikalische Herausforderung war, von der Kritik aber sogleich geschätzt wurde. In den Besprechungen der Platte wird, neben der Punk-Orientierung auffallend oft das Nicht-Mainstreamhafte des Albums erwähnt. Offenbar war als erste Äusserung der Ostberliner Schlagersängerin Nina Hagen nach ihrer Ausbürgerung in den Westen etwas anderes erwartet worden. Mit einem solch komplexen, modernen, herausfordernden und vielschichtigen Album hat niemand gerechnet.

Nina hatte auf einer Party in Hamburg die Musiker eines linksradikalen Berliner Kollektivs, der Lokomotive Kreuzberg kennengelernt. Bernhard Potschka (Gitarre, Gesang), Manfred „Manne“ Praeker (Bass, Gesang) und Herwig Mitteregger (Schlagzeug, Gesang) gehörten aktuell zu der Besetzung der Band, die 1977 ein ziemlich schräges, hörbar von Zappas ONE SIZE FITS ALL beeinflusstes Album mit dem Titel MOUNTAIN TOWN herausgebracht hatten. Das war schon abwechslungsreiche Musik, aber mit sehr zurückhaltendem Gesang, der sich ohne Reibung als eine weitere musikalische Stimme in den Sound einordnete.

 

Völlig anders wurde die Banddynamik dann, als Nina Hagen mit ihrer vielschichtigen Stimme und der gerade von der Musikhochschule kommende Reinhold Heil an den Keyboards dazugestossen sind. Ninas exaltierter, nach diversen Quellen tatsächlich vier Oktaven umfassender Gesang und ihre genauso aktuellen wie zeitlosen Texte wurden von einer fantastischen, stiloffenen und gut eingespielten Rockband zu unvergesslichen Klassikern veredelt. Die schnörkellosen Texte von Nina Hagen bringen aktuelle Themen der späten Siebziger Jahre wie die Frauenbewegung, Zukunftsängste, Drogenmissbrauch, problematische Zweierbeziehungen, selbstbestimmte Sexualität oder die unbestimmte Wut auf die Verhältnisse so pragmatisch, prägnant und überzeugend auf den Punkt, dass sie bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Potsch Potschka zu Besuch beim Vinylrausch #24

Nina Hagen Band - PlattenlabelDer einzige Musiker, der heute noch in Berlin wohnt und arbeitet ist der Gitarrist Bernhard «Potsch» Potschka. Nach einer spontanen Anfrage per Vinylrausch-Postkarte war er gleich bereit, uns zum Vinylrausch #24 zu besuchen und von den Aufnahmen damals im Hansastudio zu berichten.

Zur Einstimmung hatte uns der Kameramann Uwe Bohrer eine lange Kamerafahrt über den Potsdamer Platz von 1978 mitgebracht, immer entlang der noch jungfräulich sauberen Mauer und der riesigen Brachflächen, die sich damals vom Landwehrkanal bis zum Potsdamer Platz hinzogen. Die Fahrt endete mit einem Schwenk auf die Hansa-Studios in der Köthenerstr. – und tatsächlich hängt dann auch ein Plakat der Nina Hagen Band im Aushangkasten des Studios!

Potsch Potschka hat dann lebendig und in der Rückschau auch etwas wehmütig von der gut eingespielten Band erzählt, die alle Songs im Übungsraum entwickelt und meist auch schon live ausprobiert hatte. Die Sicherheit und Spielfreude des Albums war also kein Zufall. Und sie haben auch schon bei den Aufnahmen gespürt, das hier etwas besonderes entsteht. Umso trauriger ist es natürlich, das die Band schon nach diesem ersten Album auseinandergegangen ist. Weil sie vertraglich zwei Alben zugesichert hatten, mußten sie dann zusammen noch UNBEHAGEN aufnehmen – wobei Nina Hagens Gesangsparts nach Potschs Erinnerung schon zusammen mit der Band eingespielt wurden. Im Internet hält sich dagegen die Legende, das Nina auf die fertigen Musikbänder gesungen hätte. Zerbrochen ist die Band dann an den Forderungen von Nina: Fünfzig Prozent für die Sängerin war mit einem aus dem linksalternativen Milleu kommenden Musiker-Kollektiv nicht zu machen.

Backstage bei Frank Zappa in München

Für viele von uns war dann noch die Geschichte vom Backstage-Besuch bei Frank Zappa interessant: beide Bands waren gleichzeitig in München und Zappa ein großer Fan von NINA HAGEN BAND – was man sich angesichts der musikalischen Vielfalt des Albums und der durchaus explizit Lyrics durchaus vorstellen kann. Er wollte sie in Amerika groß rausbringen – aber um darüber reden zu können, mußte die Band erstmal Nina aus Zappas Umgebung locken, weil sie ihn ununterbrochen zugetextet haben soll.

Potsch hat uns seine neueste Platte POTSCH POTSCHKA SPIELT SPLIFF mitgebracht, auf der er mit einer neuen Band kraftvoll und sehr energetisch die Hits von Spliff neu eingespielt hat. Eine schöne Entdeckung!

OF MONSTERS AND BIRDS

Zuerst sind uns die Vögel begegnet. Inspiriert von einem Raubvogel, den sie in ihrem Hinterhof in München auf einer Mülltonne erwischt hat und der sie minutenlang fixierte, hat Monika Roscher die erst leise und dann wild und wilder vor sich hin zirpenden OPENING BIRDS für die B-Seite von OF MONSTERS AND BIRDS geschrieben. Einzelne Töne, abwechselnd von den mindestens 18 Bläsern ihrer Big Band gespielt, leiten uns bald zum FULL MOON THEATRE – in den Wald? – in eine Arena? – in den Zoo?

Monika Roscher Bigband - Digitales Muster als LP-BeilageDas, was die MONIKA ROSCHER BIGBAND auf OF MONSTERS AND BIRDS spielt ist natürlich Jazz, dafür sprechen schon die sich immer wieder zu Wort meldenden Blasinstrumente, die sich aus dem angedeuteten Amselgesang oder aus den Bussardschreien in wild-dominante Soli hineinschrauben. Wenn daraus aber ein energetischer Chor erwächst, der auf dem treibenden Drum-Beat Unisono zu großer Durchschlagkraft anschwillt, nur um kurz darauf einzelne Instrumente ausbrechen zu lassen oder den betörenden Pop-Gesang der Bandleiterin einzuleiten, dann hört man, das diese große Jazz-Band auch keine Angst vor Rockmusik, vor traditioneller Blasmusik oder gar Schlager hat. Tatsächlich versucht Monika Roscher mit jedem Song einen «Hit» zu schreiben – zumindest steckt in jedem ihrer Stücke der Samen für einen richtig schönen Pop-Song. Doch wenn der Samen dann aufgeht, bewegen sich die jungen Triebe in alle Richtungen, lassen irrwitzige Klänge frei, sortieren sich zu zurückhaltend jazzigen Flächen oder dem provozierenden Nebeneinander von verzerrter E-Gitarre und sich überschlagenden Big-Band-Sounds.

Sie schreibt intelligente Texte, sie komponiert Musik für eine 20-köpfiges Orchester, sie dirigiert, singt und spielt E-Gitarre – Monika Roscher ist tatsächlich ein Phänomen. Die von ihr geleitete, organisierte und produzierte Monika Roscher Big Band ist als Abschlußprojekt auf der Musikhochschule entstanden. Im Jahr spielt die Band zwischen fünf und acht Konzerte und war auch schon auf das Berliner Jazzfest eingeladen. Eine wirkliche Entdeckung und «ein ganz großes Werk!» wie einer der Zuhörer nach dem Vinylrausch geschrieben hat.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Als bei der letzten Veranstaltung die „Naturträne“ der Nina Hagen Band mit diesem textlosen, lautmalerischen Gesangspart von Nina in der zweiten Hälfte des Stücks lief, fiel mir plötzlich der „Great Gig In The Sky“ von Pink Floyd’s „Dark Side Of The Moon“ mit Clare Torry’s Vocals ein, den wir im Rausch davor gehört hatten. Beide Alben habe ich tausendmal gehört, aber diese Parallele ist mir erst durch das intensive Hörerlebnis beim Vinylrausch-Setting aufgefallen.

    1. Hallo Stefan, besten Dank für diesen interessanten Hinweis! Ich habe mir das eben noch mal angehört und du hast recht, die „Naturträne“ scheint auch irgendwie aus dem Himmel zu fallen. Das wäre noch eine schöne Frage für Potsch gewesen, ob da vielleicht irgendeine Absicht dahinter gesteckt hat.
      Auf jeden Fall ist es immer wieder verblüffend, was die kollektiven Hörabende auch mit der Musik machen, die man schon so gut zu kennen meint.

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